Michael Schultz Daily News Nr.629

New York, den 6. März 2014

Liebe Freunde,

die Hoteltechniker haben es endlich geschafft, Normalität in den Alltag zu bringen: das Internet funktioniert auch wieder in der Nacht. Großartig. Was in Amerika aber gar nicht geht, ist eine Terminvereinbarung beim Frisör ohne Kreditkarte; nur mit Hinterlegung der Kartennummer werden die Termine vergeben. Sogar zum Geldwechseln, so berichtete uns gestern eine Leserin, muss man einen Bürgen mitbringen; ohne ihn geht gar nichts.
Auch wenn gerade New York eine liebenswerte und energievolle Stadt ist, oft fehlt uns das Verständnis für die mitunter lebensfremden Regeln. Die Stadt, aber mehr noch das ganze Land, verdammen zur Demut. Man nimmt es hin, weil man schon bei der Einreise um einige Zentimeter gekürzt wird, doch so richtig glücklich wird man damit nicht. Überall woanders in Welt würde man sich lautstark beschweren, doch vor Amerika sitzt die Furcht sehr tief. Wie das Land so funktioniert, wurde erst gestern mal wieder bekannt: aus der CIA wurde bekannt, dass die übergeordnete Kontrollbehörde, die die Arbeit der Geheimdienstler überwacht, von denselben ausspioniert wurde. So schaut es aus im Land der vielbeschworenen unbegrenzten Möglichkeiten.
Trotzdem sind wir gerne hier, besonders im kulturellen Schmelztiegel New York, wo sich die Vielschichtigkeit der Nationen an der Herkunft der Taxifahrer ablesen lässt. Zur 'Armory'-Preview chauffierte uns ein älterer Herr aus Nepal, der weder die Stadt kannte, noch die Sprache beherrschte. Wir haben es geschafft, und voller Demut und Geduld dem Driver hinterher ein angemessenes Trinkgeld gegeben. Ohne dieses läuft ohnehin nichts. In der Regel werden 15% erwartet; liegt die Marge deutlich darunter, wird man entweder schroff darauf hingewiesen oder der Dienstleistungsauftrag wird unhöflich beendet. Am schlimmsten ist dies in manchen Restaurants, wer dort nicht reichlich draufpackt, wird lautstrak angeschissen. So dass es die anderen Gäste auch mitbekommen. In der Regel hilft das. Die ganz Schlauen schreiben per Hand die Trinkgeldzulage mit auf die Rechnung; mitunter bis zu 18%. Speziell für die Angestellten im Hotelgewerbe sind die Zuwendungen aus den Trinkgeldern überlebensnotwendig. Von ihren Arbeitgebern bekommen sie ein sehr niedriges Grundgehalt (zwischen 800 und 1200 US-Dollar), den Rest verdienen sie über die Zwangsabgaben dazu. Und weil das ein absolutes Muss ist, strengen sich nur die wenigsten an. Schnoddrigkeit und Unhöflichkeit bestimmen den Ablauf im Gastrogewerbe.
Richtig erfreulich war das Aufschlagen auf der 'Armory Show': alles was die Veranstalter im Vorfeld angekündigt haben, ist eingetreten. Der Messe wurde ein neues Outfit verpasst und, zumindest im zeitgenössischen Bereich, war im Vergleich zum vergangen Jahr die Qualität deutlich höher. Wegen der starken Konkurrenz durch die 'Frieze', die seit zwei Jahren im Mai in New York stattfindet, musste man sich was einfallen lassen. Zu viele wichtige Aussteller waren dorthin abgewandert. Man hat sie wieder eingesammelt und eine wirklich sehenswerte Eröffnung zelebriert. In der Moderne-Abteilung war am auffälligsten das neue Design; hier hat man versäumt, die Internationalität der Aussteller weiter auszubauen. In diesem Jahr ist dieser Teil der Messe noch amerikanischer, und so ist auch das Angebot für den europäischen Besucher eher eingeschränkt. Wenn dieser Part inhaltlich auch noch aufgefrischt wird, dann muss sich die 'Armory' zukünftig keine Sorgen machen.
Parallel zur Hauptmesse finden einige Nebenveranstaltungen statt. Die wichtigste ist 'The Art Show', die vom amerikanischen Kunsthändlerverband organisiert wird. Dann gibt es noch die 'Volta NY', die sich vornehmlich mit ganz junger Kunst beschäftigt; dies tut auch die 'Independent', auch dort setzt man auf Innovatives und Unbekanntes. Auf der 'Moving Image' dreht sich alles um Videokunst, und die 'Scope' ist ein Sammelsurium von allen, die auf den anderen Messen keinen Platz bekommen haben. Erstmals wurde auch eine spezielle Landesmesse organisiert: auf der 'New City Art Fair: Japan Contemporary Art' wird ausschließlich Kunst aus dem Land der aufgehenden Sonne gezeigt. Ob das angenommen und gut wird, weiß man Ende dieser Woche.
Auf jeden Fall zeigt sich New York in Sachen Kunst mal wieder von seiner besten Seite. Aussteller und Besucher waren mit den ersten Messestunden recht zufrieden.

Morgen geht es weiter, und bis dahin die besten Grüße.

Michael