Michael Schultz Daily News Nr.628

New York, den 5. März 2014

Liebe Freunde,

ja, so ist das im Land der unbegrenzten Möglichkeiten: am Flughafen wird man unsanft vom Proviant getrennt, ein anderes Mal funktioniert das Internet nicht, und in einigen Restaurants der Stadt ist die Bezahlung mit der Kreditkarte nicht möglich. Auch wenn die Barauszahlung bei den Banken nur mit viel Aufwand betrieben werden kann; die Amis lieben wieder cash. So auch im angesagten Brooklyner Fleischtempel bei 'Peter Luger'. Dort werden tagtäglich Tausende von Dollars eingenommen; bezahlt werden kann nur mit Bargeld. Man verweigert sich der Moderne, stellt aber in Aussicht, dass man in ein-zwei Jahren auf bargeldlos umstellen will. Diesen Spruch allerdings gab es schon 10 Jahren. Wie dem auch sei: nirgendwo wird das Steak in New York besser gebraten. Nicht bei 'Wolfgang's' und auch nicht bei 'Smith & Wollensky'. Ein Muss für jeden, der gerne gut und viel isst. Besonders zu empfehlen sind auch die Nachspeisen, die alle mit 'Schlag' serviert werden. 'Schlag' ist die Kurzform von Schlagsahne, und die hat es dort in sich. Davon kann man sogar satt werden.
Heute wird die Armory Show eröffnet. Auf den Piers (92+94) am Hudson River gibt sich bis Sonntag der internationale Kunsthandel ein Stelldichein. Beide Formate der Kunstmesse, sowohl die zeitgenössische als auch die moderne Abteilung, wurden mit einem Re-Lounge versehen. Die Ausstellerliste wurde ergänzt; das Messedesign verändert, auch wird ein anspruchsvolleres Rahmenprogramm angeboten. Wir pausieren in diesem Jahr, werden aber im Kommenden wieder mit dabei sein. Es ist schon ein erhabenes Erlebnis, in einer Messestadt zu sein und nicht von morgens bis abends den Stand betreuen zu müssen. Trotzdem gibt es einen vollen Terminkalender, und am Samstag wird in der 'Gallery Molly Krom' eine Einzelausstellung von Rebecca Raue eröffnet (8. März, 20 Uhr: 53C Stanton Street , New York, NY 10002, bis 6. April). Auf dem Programm steht der Besuch bei Kollegen; Meetings mit Sammlern sind verabredet, es wird aber auch einige Treffen mit Künstlern geben. Über die wichtigsten Begegnungen werden wir zu gegebener Zeit berichten.
Papst Benedikt XVI hat in einem Interview zugegeben, dass er als junger Mann eine Liebesbeziehung zu einer Frau hatte. Diese hat er im Priesterseminar kennengelernt und dann eine Woche lang das getan, 'was junge Menschen in solch einer Situation tun'. Als die Affäre beendet war, habe er dies seinem Beichtvater gestanden. So hat der auch noch was davon gehabt. Zum Thema Kindesmissbrauch sagte der Papst '.hat die Katholische Kirche im Kampf dagegen mehr gemacht als jede andere Institution. Die katholische Kirche sei 'wahrscheinlich die einzige öffentliche Einrichtung, die in dieser Frage mit Transparenz und Verantwortungsbewusstsein gehandelt habe.' Wohlweislich verschweigt der Kirchenchef, dass gerade in Einrichtungen der katholischen Kirche Kinder missbraucht wurden und werden wie nirgendwo anders in unserer Gesellschaft. Aber darüber hat die Kirche noch nie gerne gesprochen.
Trotzdem ist die neue Offenheit, die von Benedikt ausgeht, zu begrüßen; der von vielen Kirchenanhängern gewünschte Wandel in Glaubens- und Moralfragen könnte sich daraus ergeben.
Alles was gerade in der Ukraine geschieht, ist schwer einzuschätzen. Die Schwarzmaler unter uns sehen einen neuen Weltkrieg heraufziehen, andere betrachten das Säbelrasseln von Putin als reine Drohgebärde. Passieren wird wahrscheinlich nichts, außer dass sich die beiden Weltmächte in aller Öffentlichkeit mal wieder die Zähne gezeigt haben. Den G8-Gipfel in Sotschi abzublasen allerdings ist das Dümmste, was man in solch einer Situation machen kann. Alle müssen jetzt an einen Tisch und auf diplomatischem Weg die Dinge wieder ins Reine bringen. Es wird wohl auch dazu kommen, doch jetzt ist erst mal die Phase der gegenseitigen Bedrohung.
Richtig friedlich wird es in Russland aber erst dann, wenn Putin sich zu seiner Homophobie äußert. Der Papst ist ihm da mit gutem Beispiel vorangegangen.

Beste Grüße aus dem immer noch kalten New York, und sorry nochmal für die verspätete Versendung.

Michael