Michael Schultz Daily News Nr.626

Berlin, den 3. März 2014

Liebe Freunde,

erst gab es den Prozess, dann das Buch und jetzt den Film: Der kriminelle Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi wird immer mehr zur Kultfigur, und weiter dazu beitragen, wird der gestern Abend in Berlin uraufgeführte Dokumentarfilm 'BELTRACCHI - Die Kunst der Fälschung'. In einer herzzerreißenden Gaunerkomödie zeigen sich der Fälscher, seine Frau, einige Geschädigte, ein Journalist und ein Kriminalkommissar von ihrer sympathischsten Seite; sie suchen nach Erklärungen und liefern Antworten. Irgendwie sind sie allesamt vereinigt in der Eulenspiegelei des Fälschers, sie huldigen und verehren ihn. Ein amüsanter Film, kurzweilig und empfehlenswert. Die enorme kriminelle Energie, die Beltracchi für seine Betrügereien aufwendete, wird nur am Rande thematisiert; 90 Minuten lang wird ein naiver und selbstverliebter Fälscher porträtiert, das Publikum honorierte dies mit Szenenapplaus. Dem Regisseur Arne Birkenstock, pikanterweise der Sohn von Beltracchis Strafverteidiger, ist es mit der Doku gelungen, den Täter zum Opfer zu machen, zum Opfer der von Gier befallener Protagonisten des Kunstmarktes. In erster Linie sei hier der Max Ernst Experte Werner Spieß genannt, der mit seinen unprofessionellen Gutachten den Beltracchis Vorschub leistete. Seine immensen Honorarforderungen mit durchschnittlich Euro 200.000, die pro Gutachten in Rechnung gestellt wurden, aber auch das Schweizer Schwarzgeldkonto, auf welches er sich die Summen überweisen ließ, machten ihn zum stillschweigenden Komplizen. Zwischen Beltracchi und Spieß bestand unausgesprochene Übereinstimmung, dass alles, was sie tun, nicht rechtens ist und dieses ausschließlich zur Verbesserung ihres Wohlstandes notwendig war. Im Prozess schonte man sich gegenseitig - nichts Ungewöhnliches unter Gaunern. Leider, und das macht den Film für den zornigen Beobachter weniger interessant, leider wird diese Facette der Komödie nur am Rande beleuchtet. Am Donnerstag kommt er in die Kinos; trotz aller Vorbehalte ein sehenswertes Gaunerstück.

Kontaktpflege zu Kuratoren, Kritikern und Galeristen gehört zweifelsohne zum Geschäft der Künstler. In der Regel laufen diese nach folgendem Schema ab: Fotos und Kataloge werden gemeinsamen mit einem netten Briefchen und mit einem Rückumschlag versehen an die Figuren des Begehrens versandt. Nach drei, vier Tagen kommt der Kontrollanruf, ob denn auch alles angekommen sei; meist schon mit der Bitte versehen, die Unterlagen nach Durchsicht wieder zurückzusenden. Man will nicht aufdringlich sein, und ist es doch. 99,5% dieser Versuche verlaufen im Sand, und man gibt sich damit zufrieden. Nur nichts unversucht lassen; alleine darauf kommt es an. Eine ganz besondere Art der Kontaktaufnahme zum Galeristen ist ein in einem Museumskatalog abgedrucktes Bewerbungsschreiben. Um seinem Ausstellungswunsch Nachdruck zu verleihen, hat der Würzburger Künstler Hans-Peter Porzner einen solchen im Katalog zu seiner Ausstellung im Fuldaer Vonderau Museum veröffentlicht. Es geht um die Geburt der Mickey Mouse, die Porzner bildnerisch aufbereitete, und die er gerne auch bei uns ausstellen würde. Sicherlich ein spannendes Thema, wenn man es umsetzen kann. Doch gleich im zweiten Satz seiner Bewerbung kommt Porzner auf den Punkt: 'Selbstverständlich passt das nicht in ihr Programm. oder?' So originell sein Verfahren auch ist, mit dieser Einleitung hätte er sich die ganze Mühe sparen können. Originalität ist meist dann erfolgsversprechend, wenn sie bis zum Ende unerschrocken, selbstbewusst und stilvoll durchgezogen wird. Die Mutter der Mickey Mouse als Wöchnerin vorzustellen, hätten wir gerne getan – aber es muss halt passen.

In Hollywood fand in der vergangenen Nacht die 86. Oscar Preisverleihung statt. Alleine sieben dieser begehrten Trophäen gingen an 'Gravity'; zum besten Film allerdings hat es nicht ganz gereicht, diese Auszeichnung ging an '12 Years a Slave' von Steve McQueen. Mit Cate Blanchett für ihre Rolle in 'Blue Jasmine' und Matthew McConaughey für seine Rolle in 'Dallas Buyers Club' wurden die besten Hauptdarsteller ausgezeichnet. Die Sensation der diesjährigen Preisvergabe ist die Oscarverleihung an Lupita Nyong'o, die für ihre Nebenrolle in '12 Years a Slave' ausgezeichnet wurde. Ihre erste größere Filmrolle und dann sofort den begehrtesten aller Preise. Entsprechend wurde sie gefeiert.

Ab morgen und bis zum Ende der Woche kommen die News aus New York. Dort findet die 'Armory Art Week' statt. Wir sind diesmal beobachtend mit dabei; dafür umso intensiver.

Beste Grüße.
Michael