Michael Schultz Daily News Nr.616

Berlin, den 18. Februar 2014

Liebe Freunde,

auch heute wieder beherrscht die Staatsaffäre um den Geheimnisverrat im Fall Edathy die Medien. Im Frühstücksfernsehen heute erklärte sich der zum Rücktritt gezwungene Agrarminister Friedrich; kein Wort  von Reue, er ist sich seiner Sache sehr sicher, dass er richtig gehandelt hat. Womöglich hat er das auch, aber weshalb musste er dann gehen? Diese Frage rückt immer mehr in den Fokus der Berichte, eine weitere beschäftigt sich mit der Rolle des SPD-Fraktionsvorsitzenden Thomas Oppermann. Durch seine Pressemitteilung wurde bekannt, was vertraulich zwischen Friedrich und dem SPD-Chef Gabriel besprochen wurde. Vermutlich ging Oppermann in die Offensive, um einerseits seinen eigenen Sessel zu bewahren, um aber auch - und das ist noch viel wichtiger - Sigmar Gabriel und Frank-Walter Steinmeier aus der Schusslinie zu nehmen. Es ist davon auszugehen, dass Oppermanns Aktion bis ins Detail zwischen den SPD-Größen abgesprochen wurde. Unter diesem Gesichtspunkt wundert man sich auch nicht, dass der Rückhalt für den SPD-Fraktionschef ungebrochen ist. Die CSU jedoch erwartet von der SPD eine Geste zur Wiederherstellung der Augenhöhe. Wenn Oppermann nicht geliefert wird, dann muss die SPD deutliche Zugeständnisse bei politischen Themen machen. Womöglich bei der Maut oder aber auch beim flächendeckenden Mindestlohn. Hans-Peter Friedrich ist ab sofort in der CSU-Fraktion (Landsmannschaft) als Vizevorsitzender für Europa zuständig. Eine sanfte Landung, die seinen Rücktritt ein wenig ad absurdum klingen lässt. Hinter allem stecke Angela Merkel, wird vermutet.  Sie hat ihren Bauernminister in die Wüste geschickt, weil er seinerzeit versäumt hatte, auch sie über die Ermittlungen gegen Sebastian Edathy zu informieren. Obwohl diesem keine strafrelevanten Handlungen vorgeworfen werden, ist dessen Ruf bis ans Ende seiner Zeit beschädigt. Das von ihm bestellte Fotomaterial 'liegt im Graubereich zur Strafbarkeit' hatte der zuständige Staatsanwalt auf einer Pressekonferenz erklärt. Vergleichsweise könnte dies bedeuten, dass jeder der sich ein Auto zur Probefahrt bestellt, gleichzeitig ein potenzieller Autodieb ist. Der Gesetzgeber ist zu mehr Klarheit gefordert, und alles, was nicht unerlaubt ist, darf als solches öffentlich nicht ausgetreten werden. Edathy, der sich lt. 'Spiegel' eine kleine feine Kunstsammlung zusammengetragen hat, ist vorläufig das eigentliche Opfer der ganzen Affäre. Zu allem Überdruss hat der SPD-Parteivorstand seine Parteimitgliedsrechte in den vorläufigen Ruhestand versetzt. Aktivismus soll helfen, die Köpfe von Oppermann und anderen zu retten. Bisher, und darüber ist man sich von 'Bild' bis 'Süddeutscher' einig, hat die SPD in der Koalition das Heft in der Hand. So wie es jetzt aussieht, hat die Kanzlerin Friedrich geopfert, um ihre uneingeschränkte Handlungsfähigkeit wiederherzustellen. Doch so richtig blickt man da noch nicht durch. Vieles ist noch möglich; heute und morgen treffen sich die Koalitionäre, ob es ein  Schlachtfest wird, wissen wir danach.

Kulturschaffende dienen der Politik immer mehr als gute Vorbilder. In Hamburg z. B. hat der 70jährige Chefdirigent der Hamburger Symphoniker, Jeffrey Tate, einen neuen Fünfjahresvertrag bis 2019 unterschrieben. 'Ich schätze dieses Orchester sehr, in ihm stimmt der Geist', sagte Tate dazu. Seine weitere Verpflichtung hatte er von der Zusammenarbeit mit dem Intendanten Daniel Kühnel  abhängig gemacht. Auch er verpflichtete sich für weitere 5 Jahre. Im Team, und darauf kommt es beiden an, kann zügiger und auf hohem Niveau realisiert werden. Nachahmenswerte Vorgaben für so manchen unter unseren Politikern. 

Deutsche Museen haben nach Angaben der Gurlitt-Anwälte ihr Interesse an Werken aus seiner 'Sammlung' angemeldet. 'Derzeit liegen schon einige Rückkaufangebote vor' teilen sie auf www.gurlitt.info mit. In erster Linie allerdings sieht Gurlitt seine Aufgabe darin, 'Die Sammlung seines Vaters zu erhalten und zu bewahren.' Dennoch will er sich der historischen Verantwortung nicht verschließen. 

Morgen wird in Madrid die ARCO eröffnet. Für die Spanier ist dies ein kulturelles Highlight, welches mit höchster Aufmerksamkeit bedacht wird. Die ARCO ist die Kunstmesse, auf der weltweit die meisten Besucher erscheinen. Auch wenn die Zahlen rückläufig sind, so werden auch in diesem Jahr weit mehr als 100.000 Interessierte erwartet. Es ist noch gar nicht so lange her, da waren es zwischen 170.000 und knapp 200.000 Besucher, die alljährlich zur Kunstschau pilgerten. Alljährlich gewähren die Messemacher einem Gastland Einblick in das aktuelle Schaffen seiner Künstler. In diesem Jahr sind die nordischen Länder eingeladen: Galerien aus Dänemark, Norwegen, Finnland und Schweden. Interessante Begegnungen mit Kunst und Künstlern, die sonst nicht so sehr im Fokus unseres Interesses stehen. Die Eröffnung der ARCO ist gleichzeitig der Auftakt zum europäischen Frühjahrsmessereigen. Ihr folgen in schneller Reihenfolge die Messen in Bologna, Karlsruhe, Köln, Brüssel, Maastricht und Basel.

Viel Neues gibt es aus den Ateliers der Künstler zu berichten: stoisch, aber in bester Qualität, arbeitet Sabina Sakoh an ihren 'Jahresbildern' und liefert Monat für Monat ein Meisterwerk ab. Dass weniger oft viel ist, wird hierbei am deutlichsten.  Um Kraft für das arbeitsreiche Jahr zu tanken, verweilt Cornelia Schleime für einige Tage in Marokko. Helge Leiberg ist auf dem Weg nach Madrid, um dort zur Eröffnung der Messe anwesend sein zu können; Treffen mit Sammlern und Kuratoren sind angesagt. Rebecca Raue bereitet sich auf ihre erste große New York-Ausstellung vor; dasselbe tun Nina und Torsten Römer, die ebenfalls im Frühjahr in New York debütieren. SEO arbeitet an ihrer Museumsshow fürs Koblenzer Ludwig Museum; auch Bernd Kirschner hat in diesem Jahr einen vollen Ausstellungskalender und verbringt die Tage im Atelier. Sonja Alhäuser setzt ihre Eat Art-Performances fort und Stephan Kaluza hat mit seinem Forschungsprojekt zur interdisziplinären Wahrnehmung in der Malerei alle Hände voll zu tun. Burkhard Held treibt es Ende dieser Woche nach China. Dort will er einerseits sein Programm mit Studenten der Hangzhou-Universität fortsetzen, andererseits aber auch jede freie Minute für die eigene künstlerische Arbeit nutzen.

Wird ein spannendes Jahr. Genaueres zu seiner Zeit.

Beste Grüße

Michael