Michael Schultz Daily News Nr.615

Berlin, den 14. Februar 2014

Liebe Freunde,

bereits im 4. Jahrgang erscheint unser Newsletter. Immer wieder stellen wir uns auf den Prüfstand und denken über die alltäglichen Themen nach; besonders im Kontext mit unserem eigentlichen Schwerpunkt. Die Kunst und alles was darum herum dazugehört, beherrscht unsere Gedanken; auch wenn dies auf den ersten Blick nicht immer zu erkennen ist. Besonders sind es die Freiräume, aber auch der Blick über den Tellerrand, die unsere Sinne verführen. In diesem Spektrum erleben und betrachten wir Geschehenes gern am Rande gesetzlicher Normen; weniger aus Opportunismus - mehr aus dem Blickfeld menschlicher Unzulänglichkeit. 

Unter diesem Gesichtspunkt ist die Affäre um den SPD-Politiker Sebastian Edathy ein willkommenes Thema und der jetzt gerade so gescholtene ehemalige Innenminister Friedrich (CSU) im Herzen seiner Seele ein wahrer Künstler. Mit der Weitergabe 'seines' Geheimnisses hat er nichts anderes getan, als das was Künstler tagtäglich tun: er hat den Schritt über den Tellerrand gewagt. Wahrscheinlich mehr aus Opportunismus - aber immerhin. Weil ihnen die intellektuelle Auseinandersetzung zu zeitaufwendig und nicht einträglich genug ist, fordern die Linke und die Grünen seinen Rücktritt. 

In den vergangen zwei bis drei Jahren hat unsere Gesellschaft Spannendes aus ihrem Innenleben freigegeben; die illegale Steuerminimierung ist Volkssport und  alle Schichten der Bevölkerung nehmen daran teil. Moralische und politische Instanzen gleichsam wie Otto-Normalverbraucher. Uli Hoeneß und Alice Schwarzer in Tateinheit mit André Schmitz und dem CDU-Schatzmeister Helmut Linssen.  Unsere Leitbilder sind zu Getriebenen geworden. Doch nicht die Tat an sich ist das Verwerfliche, es geht um den Verrat. Mit der Fokussierung auf ihn werden auch Werte verschoben. Die, die mit dem Öffentlichmachen einer Straftat Volkes Willen bekannt geben, werden an den Pranger gestellt und womöglich am Ende auch noch dafür belangt. So wird der Täter zum Opfer und mit ihm unser Rechtsempfinden auf den Kopf gestellt.

Ungestraft durften dies bisher nur die Kunstschaffenden. Auch wenn der Staat, wie weiland bei Jonathan Meese, seine Gewaltenhoheit mit aller Macht bewahren will, so gelingt ihm das immer weniger. Doch der schleichende Werteverfall darf uns keine Angst machen. Mit ihm kommen wir da an, wo wir schon lange sind: ein ganz normales Volk. Jeder busselt mit seiner eigenen Wahrheit. Letztlich hat Hans Peter Friedrich mit seinem Geheimnisverrat nichts anders getan, als dass er das Ankommen der Normalität in der Wirklichkeit verhindern wollte. Als Konservativer ist er dazu geradezu verpflichtet. Geholfen hat es vermutlich dem 'Beschädigten'; Edathy wurde gewarnt und konnte noch rechtzeitig die Spuren seiner Krankheit verwischen. (Wenn es denn so ist wie allgemein vermutet.) Anstatt zu analysieren und zu verstehen was da geschehen ist, wird nach Rücktritt gebrüllt. Bei allem Respekt vor der Obrigkeit; in dieser Hinsicht ist die Kunstkritik den Wertebewertern um Längen voraus. Kapitulation gibt es in ihr nicht: was trotz eingehender Hinterfragung nicht zu interpretieren ist, wird nicht verworfen - es wird bewahrt. Wenn wir in der Lage sind, die vielen kleinen Unzulänglichkeiten die der Alltag so mit sich bringt, als solche zu belassen, dann sind auch wir dort angekommen, wo wir seit langem sind. In der Welt von Joseph Beuys sind wir ohnehin alle Künstler, nur zulassen müssen wir es.

Die Akzeptanz und die Begehrlichkeit zu den Produkten der Kunstschaffenden sind bereits in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen. Unverfälschte Beweise liefern die Ergebnisse der Auktionshäuser. Auf den Londoner Februar-Auktionen wurde bestätigt, was seit langem anhält: Gerhard Richter, Sigmar Polke, Andy Warhol und auch Damien Hirst haben auf hohem Niveau zugelegt. Für ein abstraktes Richterwerk aus den späten 90ern (100 x 90cm/Aludibond) wurden 2 Millionen Pfund aufgerufen und knapp über 4 Millionen erzielt. Ein 240 cm großes abstraktes Quadrat von 1994 kam auf knapp 17.5 Millionen British Pound, und für ein kleines Aquarell (24,5 x 33 cm) wurde der Aufruf auf 182.500 BP verdreifacht. Augenblicklich gibt es keine einträglichere Kapitalanlage als Kunst. Von Francis Bacon kam 'Portrait of George Dyer Talking' mit aufgerufenen 34 Mio. Euro in den Ring; nach kurzem Bietergefecht stieg der Preis auf rund 51 Millionen Euro. Insgesamt wurden bei Sotheby's und Christie's bisher annährend 300 Millionen BP umgesetzt; zum Auftakt des Jahres ein erfreuliches Ergebnis. 

Zeitgleich zu den Auktionen wird in der Londoner Dependance von Larry Gagosian eine Ausstellung von Georg Baselitz gezeigt. Unter dem Motto 'Farewell Bill' verbeugt sich Baselitz vor dem amerikanischen Maler Willem de Kooning, der ihn nach eigenen Angaben seit Jahrzehnten wesentlich beeinflusst hat. Dieses Eingeständnis zeugt von Größe.

Zu guter Letzt erinnere ich alle Liebenden an San Valentino (die Aufmerksamkeit nicht vergessen); morgen erreicht La Luna mal wieder ihre volle Größe: Obacht auch hier. Wünsche ein schönes Wochenende. Im Süden soll es Fön geben und bis zu 20 Grad warm werden.

Gruß

Michael