Michael Schultz Daily News Nr.613

Berlin, den 12. Februar 2014

Liebe Freunde,

in der Abendschau des Berliner Regionalfernsehens wurden gestern Abend Ausschnitte aus der 'Anderson-Dokumentation' gezeigt. Auch wurde der Verräter mit einigen Fragen zu seiner Vergangenheit konfrontiert. Um es kurz zu machen: Sascha Anderson ist eine widerliche und von Ekeln beseelte Erscheinung. Ohne jegliche  Einsicht und voller Zynik reflektiert er den Verkauf seiner Freunde an die Stasi. Der Verrat ist ihm ins Gesicht geschrieben. Damals als Macher der Prenzlauer Berg-Szene wurde sein verstohlenes Auftreten sicherlich nicht wahrgenommen; aus der Distanz und dem Blick von heute auf ihn darf man sich auch ein wenig wundern, wer ihm da so alles gefolgt ist.  Als zeithistorisches Dokument ist der Film so lange unnütz, bis Anderson eindeutig zu seinen Schweinereien steht und sich bei den Opfern entschuldigt. 

Große Emotionen gab es gestern in Sotschi. Bei dem erstmals ausgetragenen Frauen-Skispringen gewann völlig überraschend die in Schwäbisch Gmünd beheimatete Carina Vogt. Nachdem ihr Sieg von der Jury bestätigt wurde, war sie fassungslos und ließ ihren Tränen freien Lauf. Eine ehrliche Geste, die von den sonst so coolen Sportlern heutzutage immer weniger zu sehen ist. Für die Vermarktung einer Goldmedaille ist ein aufgesetztes Lächeln weitaus einträglicher als die ehrlichen Kullertränen. Absolut professionell in dieser Hinsicht ist Maria Höfl-Riesch. Heute wollte sie in der Abfahrt eine weitere Goldene holen, doch daraus wurde nichts. Bei Redaktionsschluss lag sie weit hinten; erstmals in der Geschichte des Olympischen Abfahrtslaufes werden heute  2 Goldmedaillen vergeben; die Schweizerin Dominique Gisin  und Tina Maze aus Slowenien landeten zeitgleich auf dem ersten Platz.

Großartig auch das Pokalspiel zwischen Eintracht Frankfurt und Borussia Dortmund. Die stark dezimierten Dortmunder gewannen dank einer taktischen Meisterleistung das Match mit 1:0 und ziehen damit als erste Mannschaft ins Halbfinale ein. Heute Abend spielen die Bayern in Hamburg. Rein sportlich könnten die Hanseaten den Bayern den Sieg am grünen Tisch abgeben; gespielt wird nur wegen der Zuschauereinnahmen. So ganz schuldlos an diesem Dilemma ist die Münchner Übermannschaft allerdings nicht. Sie spielen in einer eigenen Liga. Zurzeit. Der HSV aber auch. Den Bayern ist ein weiterer Millionen-Deal gelungen. Der Versicherungskonzern Allianz wird 3. Anteilseigner der Bayern AG und gesellt sich damit zu Adidas und Audi. 110 Millionen Euro müssen die Versicherer für 8,33% des FC Bayern hinlegen. Grob hochgerechnet liegt demnach der Kapitalwert des Vereins bei 1.32 Milliarden Euro. Dank Uli Hoeneß.

Knapp zweieinhalb Jahre nach seinem Tod wird der britische Pop-Art Star Richard Hamilton mit einer umfassenden Retrospektive in der Tate Modern geehrt. Sechs Jahrzehnte seines künstlerischen Schaffens werden gezeigt, darunter frühe Designs aus den 1950er Jahren bis hin zu den letzten Gemälden. Zu den Höhepunkten der Ausstellung gehören die 'Fun House'-Installation und eine Gemäldeserie von Rock- und Filmstars, von Mick Jagger bis Marylin Monroe.

Eine großzügige Schenkung vermachte der Fotograf David Douglas an das in Münster beheimatete Kunstmuseum Pablo Picasso. Der 88 jährige vermacht dem Haus 160 Fotos, die Picasso in seiner Villa la Californie in Südfrankreich zeigen. Douglas hatte Picasso erstmals im Jahre 1956 besucht und er war einer der ganz Wenigen, die den Meister bei der Arbeit ablichten durften. Bekannt wurde der Fotograf mit Bildern aus dem Koreakrieg, die er im Auftrag des US Magazins 'Life' geschossen hat.

Den diesjährigen Wolfgang-Hahn-Preis erhält der farbige US Künstler Kerry James Marshall. In der Jury-Begründung wird im Besonderen seine engagierte Position in der zeitgenössischen Malerei betont. Er thematisiere den jahrhundertelangen Rassismus gegenüber der schwarzen Bevölkerung in den USA und seine bis heute spürbaren Konsequenzen. Der mit bis zu 100.000 Euro ausgestattete Preis wird am 12. April verliehen. Bestandteil des Preises ist der Erwerb eines Werkes für das Kölner Museum Ludwig. 

Florian Illies erhält den mit 20.000 Euro dotierten Ludwig-Börne-Preis. Er 'verbinde die Kunst der Beobachtung mit wachem analytischen Blick' so die Jury, 'und gewinne daraus überraschende Perspektiven auf die Welt im Wandel'. Illies ist einer der Gründer des 'Monopol'-Magazins; seit 2011 ist er Partner beim Berliner Auktionshaus Grisebach. Zuletzt erschien '1913: Der Sommer des Jahrhunderts', eine Zeitreise zurück in die Kultur der Vorkriegsmonate des Ersten Weltkriegs.

In seiner Salzburger Behausung wurden weitere und möglicherweise NS-belastete Kunstwerke von Cornelius Gurlitt gesichtet. In seinem Auftrag werden diese nun von Experten im besonderen Hinblick auf etwaigen Raubkunstverdacht geprüft. Nach erster Einschätzung hat sich der Verdacht jedoch nicht verdichtet. Es handelt sich um mehr als 60 Kunstwerke von u.a. Monet, Renoir und Picasso. 

Zur aktuellen Ausstellung von Andy Denzler in New York (Claire Oliver Gallery, 513 West 26th Street, New York, NY 10001; noch bis 15. Februar) hat das 'Astslant Magazine' eine ausfühliche Kritik geschrieben: http://www.artslant.com/ny/articles/show/38263  
Der komplette Text ist im Newsticker auf unserer Webseite zu sehen; ebenso dort zu finden ist eine Ausstellungsbesprechung zu Römer + Römer im Richard-Haizmann-Museum in Niebüll.

Zum guten Schluss noch die Erwähnung, dass der BH (Büstenhalter) heute sein 100jähriges Jubiläum feiert. Der Erste wurde aus der Not als Ersatz für ein zu eng anliegendes Korsett aus zwei Taschentüchern gefertigt. Heute ginge das gar nicht mehr.

Was morgen geht, werden wir sehen.

Beste Grüße.

Michael