Michael Schultz Daily News Nr.611

Berlin, den 10. Februar 2014
 
Liebe Freunde,
 
die Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele konnte sich sehen lassen. Sehr russisch, ein bisschen schwermütig, mit viel Rückblick auf die Geschichte des großen Volkes; exzellent vorgetragen von den Stars aktueller Musikinterpretation. Errungenschaften der Wissenschaft, der Technik und der Kultur wurden mit Hilfe des Alphabets vorgetragen; hinterher dröhnte man in den deutschen Medien (speziell im ZDF), warum beim Buchstaben 'S' nicht die Gräueltaten von Joseph Stalin gezeigt wurden. Während der Liveübertragung wurde gemutmaßt, dass Putin eventuell selbst das große Feuer entzünden wird; mit nacktem Oberkörper. Mit einer der Fackelträgerinnen soll Putin ein Verhältnis haben, aus dem mehrere Kinder hervorgegangen sind; usw., usw., alles live im Zweiten.
 
Irgendwo hört der Spaß auf: Würde man denn in Deutschland in ähnlicher Situation Bilder von Auschwitz zeigen; übereinander gestapelte und zu Skeletten ausgehungerte Leichen. Von deutschen Bomben zerstörte Städte in England, Polen, Russland und anderswo. Niemals, auch wenn diese Bilder fester Bestandteil unserer Geschichte sind. Auch wir würden uns von unserer besten Seite zeigen und den dunkelsten Fleck unserer Geschichte ausblenden. Überhaupt hätte es den Unterdrückten Russlands mehr geholfen, wenn zur Eröffnung die A-Liga deutscher Politprominenz angereist wäre mit Präsident und Kanzlern. Das hätte Putin weitaus mehr zum Nachdenken gezwungen als die trotzige Verweigerung. Gott sei Dank gibt es darüber mittlerweile einen Konsens.
 
Rein sportlich sieht’s in Sotschi auch ganz gut aus. Der Rennrodler Felix Loch holte die erste Medaille für Deutschland; und dann auch noch gleich eine goldene. Insgesamt acht neue Sportarten wurden für die russischen Spiele zugelassen. Fraueneishockey zum Beispiel, doch das geht gar nicht: Es fehlt die naturgemäße Aggressivität, die die Jagd nach dem Puck in sich hat. Ebenso neu im Programm, und bereits jetzt die wahren Helden dieser Spiele, sind die 'Slopestyle Snowborder'; waghalsige Frauen und Männer, die ihre Körper bis aufs Äußerste belasten. Noch spannende Tage erwarten uns; heute könnte Maria Höfl-Riesch ihre erste Medaille in der Superkombination holen. Zur Halbzeit liegt sie nach der Abfahrt auf Rang 5; eine gute Vorlage für den am Mittag stattfindenden Slalom.
 
Zeitgleich mit der Eröffnung der Spiele wurde im angesehenen Richard Haizmann Museum/Niebüll eine Ausstellung von Römer + Römer eröffnet. Ganz schlechte Vorzeichen bei dieser Konkurrenz, doch das Wagnis ging auf, und das Museum war gut gefüllt. Unter den Besuchern waren sicherlich auch viele Sportsfreunde, doch sie bevorzugten ihre Teilnahme an der Vernissage; zur Freude der Künstler und der Museumskuratoren.

 

Zeitgleich mit der Eröffnung der Olympischen Winterspiele wurde im Niebüller Richard Haizmann Museum eine retrospektiv angelegte Show von Römer + Römer eröffnet. Ein Straßenfeger, wie das Bild bestens dokumentiert. Auf der Straße kein Mensch; das Musem war zum Bersten voll.

 

Ein anderes großes Festival begeistert augenblicklich die Welt, es sind die Berliner Filmfestspiele. Dort wird morgen erstmals eine Dokumentation über den Stasispitzel Sascha Anderson gezeigt. Anderson hat als ganz besonders emsiger Verräter seine engsten Freunde verraten; unter ihnen Cornelia Schleime, Helge Leiberg und A.R. Penck. Letzterer nannte ihn treffend in einem Fernsehinterview 'Sascha Arschloch'. In 'Anderson' werden einstige Gefährten (wie u.a. Roland Jahn, der heutige Chef der Stasi-Unterlagenbehörde) befragt. Der Spitzel selbst protzt mit seiner Rolle als Chef der Szene, zu Fragen über seine Schuld windet er sich wie in der Vergangenheit heraus. Zur Premiere werden die Gedemütigten aber auch der Spitzel erwartet. Anderson lebt seit langem im Frankfurt, verheiratet ist er mit Alissa Walser, einer Tochter von Martin Walser.
 
Sport und Kultur beherrschen die Themen der nächsten Tage. Wir versuchen einen gesunden Mix aus Beidem zu filtern. Doch schlussendlich gibt es für heute noch eine besondere Meldung: Die Schweizer haben per Volksentscheid entschieden, dass die reine Rasse des Bergvolks zukünftig mehr unter sich bleiben will. Der Zuzug für Ausländer, aber auch die Beschäftigung von Fremdarbeitern wird deutlich erschwert werden. Besonders davon betroffen sind Deutsche, Franzosen und Italiener. Innerhalb von drei Jahren soll Volkes Willen umgesetzt sein. Schade, dass gerade die als aufgeschlossen, liberal und weltoffen geltenden Alpenbewohner den Sack zumachen. Ohne die ehrgeizigen Emigranten wird die Schweiz in Zukunft in der Welt des Sports und Kultur weniger glänzen. Aber das wollen sie. Als Äquivalent für das abfließende Geld sind Menschen, die was bewegen wollen, das Beste, was der Schweiz passieren kann.
 
In Deutschland scheint vielerorts heute die Sonne. Genießt sie.

Beste Grüße, Michael.