Michael Schultz Daily News Nr.609

Berlin, den 6. Februar 2014
 
Liebe Freunde,
 
in der Steueraffäre um den Berliner  (Ex-) Kulturstaatssekretär André Schmitz wundert man sich über die Gelassenheit des regierenden Bürgermeisters. Seit 2012 war Klaus Wowereit von dem Problem informiert, und trotzdem hielt er an ihm fest. Jetzt ist öffentlich geworden, dass auch weitere hochrangige Politiker von der Affäre wussten. Die 'Berliner Morgenpost' meldet in ihrer heutigen Ausgabe, dass sowohl Justizsenator Thomas Heilmann als auch der parteilose Finanzsenator Ulrich Nußbaum über den Vorgang informiert waren. Aus rechtlichen Gründen waren ihnen die Hände gebunden, und sie durften ihr Wissen nicht offenbaren. Wie und wann genau die beiden Senatoren von dem Skandal erfahren haben, muss noch geklärt werden; sollten sie in Absprache mit Wowereit gehandelt haben, dann bedeutet dies auch ihr politisches Ende. Klaus Wowereit will sich am kommenden Montag vor dem Kulturausschuss zu dem Vorgang äußern. Alles was in den letzten Tagen über die Steuerunehrlichkeit unserer Politprominenz ans Tageslicht kommt, hinterlässt nicht nur einen schalen Geschmack, es fordert Otto Normalbürger geradezu auf, sich am Volkssport der Steuerhinterziehung zu beteiligen. Verhindert werden kann das, wenn die Finanzämter ihre Forderungen normalisieren und den Bürgern das lassen, was sie zum Leben brauchen. Für die einen ist das mehr und für die anderen eben weniger. Die richtige Formel muss noch gefunden werden.
 
Morgen beginnen in Sotschi die Olympischen Winterspiele. Ein Heimspiel für die russischen Sportler, die die Medaillen übermächtig  abräumen werden, wie einst die Chinesen zu den Sommerspielen 2008. Wenn es dann so kommt wie vorhergesehen, kommt ganz schnell das Wort Doping ins Spiel. Warum Sportler bei sogenannten Heimspielen erfolgreicher sind als die anderen, wird in einer wissenschaftlichen Untersuchung  jetzt nachgewiesen. Die englischen Forscher Mark Allen und Marc Jones prophezeien den russischen Athleten einen Medaillensegen und begründen dies damit, dass das Selbstvertrauen und die Zuversicht des Siegers durch das Geschrei und Getöse der heimischen Fans enorm gesteigert wird. Auch das vertraute Gelände wirkt sich psychologisch positiv auf die Sportler aus. Schiedsrichterentscheidungen werden durch die Fans beeinflusst; wenn die Stadien toben, steigt der Adrenalinspiegel der Unparteiischen, es entsteht enormer Stress, und um diesen abzubauen, wird die Auswärtsmannschaft gerne härter bestraft als das Heimteam. Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Zeitumstellung; die innere Uhr beruhigt sich erst nach sechs Wochen, und bis dahin sind die Sportler nicht 100%ig fit. Der Heimvorteil steigt mit jeder Zeitzone, die das Auswärtsteam durchquert um bis zu 20%. Besonders stark ist der Effekt bei Reisen in östliche Richtungen. Weil sie ihren Heimvorteil nutzen können, spricht alles  für einen triumphalen Auftritt der russischen Wintersportler. Gönnen wir es ihnen.
 
Das Essener Folkwang Museum wird eine, für April geplante, Ausstellung von Polaroidfotos des französischen Künstlers Balthus nicht zeigen. Man hat Angst, dass die Show 'zu ungewollten juristischen Konsequenzen und einer Schließung der Ausstellung führen könnte' so das Museum. Gezeigt werden sollten Fotos eines halbwüchsigen Mädchens in teils zweideutigen Posen. Diese Fotos gehören zum Oeuvre des anerkannten Künstlers. Dass sich eine Kulturinstitution nicht wagt, diese der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, geschieht auch nicht alle Tage.
 
Zur 'Chefarztvisite' im Newsletter von gestern gab es viele, meist ebenso witzige, Bemerkungen. Eine davon, verfasst vom Kölner Messemacher (Art Fair) Walter Gehlen wollen wir Ihnen nicht vorenthalten:
 
'Im Jargon von Assistenzärzten werden die Chefs gerne "Silberrücken" genannt, eine Bezeichnung für adulte und dominante Gorilla-Männchen (die für diese Bezeichnung erforderliche ergraute Rückenbehaarung lässt sich an der dorsalen Seite des Chefs am OP-Kittelkragenrand nachweisen).
Es liegt also nahe, dass es im Gruppenverhalten von Gorilla gorilla und Homo medicus Parallelen gibt. Gorillas müssen einen Großteil ihrer Zeit fressend verbringen, da sie sich nur von niedrigkalorischen Blättern und Früchten ernähren.
Das könnte ein Grund für die kurze Verweildauer im Patientenzimmer sein, da es den Gruppenverband an den Fressplatz trieb. Durch geschicktes Anbieten von kleinen Leckereien an den Silberrücken (Cave!: Vegetarisch) ließe sich der Aufenthalt der Gruppe von Tag zu Tag verlängern.
Auch steht die Äußerung des Chefs somit in einem anderen Licht da: Er sieht den Patienten als Nahrungskonkurrenten und aufgrund der imposanten Figur auch als potentiellen Rivalen, der ihm seine Weibchen abspenstig machen könnte. Der Rat abzunehmen, spielt ihm bei der Aufrechterhaltung seines Status in die Karten.'
 
Wer mit offenen Augen durchs Leben geht, spart sich viel Geld für Kino. In diesem Sinne beste Grüße und bis morgen.

Michael