Michael Schultz Daily News Nr.608

Berlin, den 5. Februar 2014
 
Liebe Freunde,
 
morgen beginnt in Berlin die Berlinale, und die ganze Stadt ist schon jetzt vom Filmfieber angesteckt. Ab sofort dreht sich alles nur noch um die großen Stars wie z.B. George Clooney, dessen Kommen nicht sicher sein soll. Im Frühstücksfernsehen versicherte heute jedoch Festivalchef Dieter Kosslick, dass Clooney definitiv kommen wird; seine Fans können sich schon ab heute die besten Plätze am roten Teppich sichern. Insgesamt werden 409 Filme gezeigt; ein nicht zu bewältigendes Mammutprogramm. Die Kenner selektieren und schon jetzt gibt es einige Produktionen, deren Vorführungen zu den heiß begehrten gehören: ˈNymphomaniac: Volume 1ˈ von Lars von Trier (gezeigt wird eine zensierte Fassung). Auch ˈGrand Budapest Hotelˈ, der im Übrigen in Starbesetzung in Babelsberg gedreht wurde, gehört zu den Highlights. In der Classics - Reihe wird das Cabinet des Dr. Caligariˈ in seiner Urfassung von 1919 gezeigt werden. Vorgestellt wird der Klassiker in der Philharmonie zu Livemusik von John Zorn. Mit Sicherheit einer der Höhepunkte des diesjährigen Festivals. Doch die Berlinale bringt nicht nur feinstes Kino in die Stadt; laut Auskunft des Berliner Wirtschaftssenats fließen in den kommen zwei Wochen zusätzliche 125 Millionen Euro nach Berlin.
 
Großes Kino gibt es immer wieder auch im Alltag: Gestern am späten Nachmittag wurde die Tür zum Patientenzimmer aufgerissen. Stürmisch treten einige Männer ins Zimmer. Alle in weißen Kitteln und die Hände in den Taschen. Bis auf einen graumelierten älteren, alles junge Ärzte. 'Chefarztvisite' ruft einer der Knaben und bietet dem Chef einen Blick auf das operierte Knie an. Mit einer generösen Handbewegung lehnt dieser die Sicht auf die Wunde ab; scannt dafür mit zwei, drei Blicken den Patienten und diagnostiziert: ˈSie müssen abnehmenˈ. Dieser erwidert: ˈDas sagt mein Zahnarzt auch immerˈ. Die jungen kichern, der Chef schreitet zur Tür. Alles dauert keine 30 Sekunden. Low Budget Movie von allerfeinster Qualität.
 
Die Aufregung um die Steueraffären hält an. Ein großes Thema, welches zu so manch interessanten Reformideen führt. Das Beste, was gerade auf dem Markt kursiert, ist eine grundlegende Reform des Strafrechts. Angelehnt an das Prinzip Selbstanzeige gibt es jetzt den Vorschlag, dass jedem Rechtsbrecher die Chance auf Straffreiheit gewährt werden sollte. In der Praxis könnte dies so aussehen, dass Bankräuber, Diebe und Betrüger die ihren Schaden innerhalb einer noch festzulegenden Frist wiedergutmachen, von einer Bestrafung verschont bleiben. Wer also heute drei Bücher bei Hugendubel klaut und sie nach dem Lesen wieder zurückbringt, bleibt ein unbescholtener Mann. Ähnlich wie bei den Steuerunehrlichen erhofft sich der Staat eine enorme Entlastung der Gerichte. Den Bestohlenen bleibt die Hoffnung, dass noch vor Ablauf der Gesetzesfrist das Diebesgut zurückgebracht wird. Wir dürfen gespannt darauf sein, was aus dieser Idee werden wird.
 
In den vergangen Tagen erreichten mich viele Genesungswünsche; über jeden einzelnen habe ich mich sehr gefreut. Weil mit augenblicklich das Schreiben am Computer recht schwer fällt, bedanke ich mich bei allen auf diesem Weg recht herzlich.
 
Bis morgen mit besten Grüßen.

Michael