Michael Schultz Daily News Nr.606

Berlin, den 3. Februar 2014 

Liebe Freunde,
 
am vergangenen Donnerstag hatten wir eine Abhandlung über das Kniegelenk zum Tagesthema. Am Ende wurden die Operateure zu Künstlern und die Patienten zu Kunstwerken erklärt. Folgerichtig darf sich jeder Chirurg Künstler nennen, und die Patienten sind demnach Kunstwerke. Unter diesem Gesichtspunkt gehöre neuerdings auch ich zu den Kunstwerken der Chirurgie. Bisher ist alles gut verlaufen, und wenn es so kommt, wie geplant, dann werde ich ab der kommenden Woche als wandelndes Kunstwerk meinen Alltag verrichten. Bis dahin allerdings gibt es noch einige kleinere und größere Hemmnisse zu überwinden; so z.B. ist der Internetzugang im Atelier des Chirurgen äußerst fragil. Das erschwert nicht nur die Arbeit; für die schnelle Rekonvaleszenz ist das ebenso nicht förderlich.
 
Trotzdem wollen wir auch in dieser Zeit unserer Pflicht nachkommen und täglich eine Ausgabe des Newsletters versenden. Die Themenvielfalt und der Umfang können aus diesen Gründen nicht in gewohntem Maße garantiert werden; wir bitten um Nachsicht.
 
Die großen Themen der vergangenen Tage sind einerseits die Machenschaften des ADAC und andererseits die Steuerehrlichkeit unserer prominenten Mitbürger. Beim genauen Hinsehen stellt man schnell fest, dass beides irgendwie miteinander zusammenhängt. Dem Automobilclub sind von staatlicher Seite größtmögliche Steuerlöcher verordnet worden, so dass man bei den 'gelben Engeln' niemals auf die Idee kommen musste, irgendwelche Konten in der Schweiz zu eröffnen. Da haben es viele andere (prominente) Mitbürger in unserem Lande viel schwerer; weil ihnen der Staat bei der optimalen Steuerminimierung die Mithilfe verwehrt, haben sie sich selbständig darum gekümmert. Der einfachste Weg ist die Auslagerung der Gewinne, und dies am besten mit einem Konto in der Schweiz. 
 
Wenn dann die Fälle bekannt werden, ist das Erschrecken mitunter groß. Dem Saubermann Uli Hoeneß hat man ein Konto in der Schweiz genauso wenig zugetraut wie jetzt eben auch Alice Schwarzer. Ja, auch die Femme fatale der deutschen Frauenrechtsbewegung hat Zinsgewinne aus der Schweiz nicht versteuert. Ihr allerdings ist es gelungen, dass mit ihrer Selbstanzeige und der Nachzahlung von 200.000 Euro strafrechtlich das Thema vom Tisch ist. Sie ärgert sich darüber, dass das jetzt in der Öffentlichkeit bekannt wurde, doch daran kann man nichts mehr ändern.
 
Die Finanzbehörden haben es ganz gerne, dass gerade die Steuerunehrlichkeit prominenter Personen bekannt wird, sie versprechen sich davon Abschreckung. Je mehr jetzt allerdings über das Steuerverhalten der deutschen Prominenz bekannt wird, desto weniger dient dies den Interessen des Staates. Sie werden wieder zu Vorbildern, und jeder, der nicht doch versucht, den Staat zu beschummeln, ist selbst Schuld. So wird argumentiert werden.
 
Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, nochmal den Versuch einer Generalamnestie zu wagen. Mit ihr käme das Thema vom Tisch und der Staat zu seinem Geld. Andererseits sollte man im Finanzministerium auch mal darüber nachdenken, ob es letztlich nicht mehr bringt, wenn die Steuerlast die Schultern der Bürger nicht allzu sehr in die Tiefe drückt. Weniger ist auch in diesem Falle mehr.
 
Nur mal so zum Nachdenken.

Gruß und bis morgen.

Michael