Michael Schultz Daily News Nr.603

Berlin, den 29. Januar 2014

Liebe Freunde,

die freundlichen Worte zum Bayernkönig, geschrieben in den Daily News von gestern, haben das Land wieder versöhnt. Alles was davor geschrieben war, im Speziellen so manche Breitseite gegen den FC Bayern, ist vergessen und vergeben.  Noch heute steht Ludwig II über allem; im Herzen sind die Bayern Monarchisten, verklärt bis ins Letzte und liebenswert zugleich. Mit den richtigen Themen leben sie auf. Wenn man ihnen ihre Götter lässt, sind sie ein leicht zu bedienendes Bergvolk. Mehr Lederhose als Laptop; in sich ruhend und mit dem Bewußtsein ihrer großen Geschichte stolze Menschen. Der Rücklauf zum Newsletter von gestern ist geprägt von liebevoller Umarmung. Das zwingt auch uns zum Nachdenken. Es lebe der König. 

Die andere noch existierende Monarchie in unserem Land ist die katholische Kirche. Wegen der vielen Skandale laufen ihr die Gläubigen weg, und weil dadurch ihre Einnahmen sinken, kehrt sie sich nach innen. Sie befindet sich im Umbruch, und deshalb stellt sie alles was ihr schadet auf den Prüfstand. In einer vom Vatikan initiierten Umfrage durften die Gläubigen die Sexualmoral ihrer Kirche bewerten. 'Das Ergebnis ist vernichtend' stellt der 'Spiegel' hierzu fest. 'Ein Testfall für Franziskus', der unter diesen Erkenntnissen wohl eher auf die Reform der Kirche verzichten wird.  

Wie weit die Kirche von ihren Anhängern entfernt ist, zeigt die Antwort auf die Frage, ob es die Gläubigen als Sünde empfinden, wenn sie bei der Geburtenregelung auf sogenannte unerlaubte Methoden zurückgegriffen haben: 86 % der Befragten beantworteten diese Frage mit Nein. Nur noch 31 % der Katholiken leben nach der Lehre der Kirche, der Rest hat sich seine Freiräume im Gewirr der Glaubens- und Kirchenethik geschaffen. Viele von ihnen leben in wilden Beziehungen; teils in von Gott gewollten, von Mann und Frau gebildeten, nicht wenige aber auch in gleichgeschlechtlichen Paargemeinschaften. Sie wünschen sich von ihrer Kirche mehr Offenheit und eine Seelsorge, die ihrer Lebenswirklichkeit gerecht wird. Ihre Hoffnung liegt auf Papst Franziskus, der durch viele Äußerungen, zumindest nach außen, den Geist der Kirche infrage stellt. Ob dieses demütige in sich hineinhören ein ernstgemeinster Reformversuch ist,  oder nur eine gut ausgeklüngelte Werbestrategie, wird sich noch zeigen müssen. Zunächst wird alles, was der Papst zum Besten gibt, zur Abkehr der in der Kirche noch weit verbreiteten mittelalterlichen Moralvorstellung gewertet. In der Realität allerdings ist noch nichts von seinen liberalen Ansichten angekommen. Verhindert wird das von der veränderungsfeindlichen Kurie, die an weltfremder Kirchenromantik festhält wie der Teufel an der Seele.

Doch die Basis der deutschen Katholiken läuft Sturm dagegen und formuliert ihre Stimmung in kritischen Pamphleten. Sie fühlen sich vielfach 'als Versager und Sünder behandelt' und die 'kirchliche Ehe-und Sexualmoral' stelle für viele von ihnen ein Glaubenshindernis dar. Weiterhin sprechen sich die Befragten dafür aus 'gleichgeschlechtlichen Paaren eine Segnungsfeier zu ermöglichen'; ein Unding, dass dies in der von Homosexualität geprägten Priesterschaft noch immer nicht möglich ist. Die 'katholischen Ideale und die Wirklichkeit klaffen immer weiter auseinander', somit wenden sich immer mehr von der Kirche ab. Erwartet wird 'gelebte Barmherzigkeit in Fragen der Ehe, des Scheiterns, des Neuanfangs und der Sexualität.' 

Forderungen, die aus der Feder von Gläubigen stammen und die für ihre Kirche formuliert wurden. Im Klartext wünschen sie eine deutliche Reform des mit Lügen gespickten Irrglaubens. Die Kirche wollen sie nicht verlassen - sie wollen sie moderner. Der Zeit angepasst eben.

Gespannt erwartet wird der 19. März. An diesem Tag feiert Franziskus seinen ersten Jahrestag als Pontifex. Gläubige aus aller Welt erhoffen in einer Grundsatzrede die deutliche Öffnung der Kirche. Sollte es nicht dazu kommen, wird der Aderlass fortgesetzt, und die katholische Kirche könnte mit ihrer Mitgliederzahl bald unter die des ADAC rutschen. Im Reformbedarf sind sich beide doch so ähnlich. 

Ob sich Franziskus zum Diskurs in die Tiefe bewegt, bleibt abzuwarten. Bisher dient alles, was er gesagt hat, zur Beruhigung so manch geschundener Seele.

In diesem Sinne beste Grüße.

Michael