Michael Schultz daily News Nr.595

Singapore, den 17. Januar 2014

Liebe Freunde,

um auch aus der Ferne Kontakt zur Heimat, zur Familie, zum Arbeitsplatz und zu Freunden zu halten, aber auch um über Neuigkeiten des Alltags informiert zu werden, benutzen wir tagtäglich die vielen Möglichkeiten elektronischer Nachrichtenübermittlung. Dass dabei die Amerikaner seit Langem mit auf dem Schirm sind, wissen wir, regen uns kaum noch darüber auf, wir nehmen es in Kauf. Nicht nur in unseren Breitengraden langweilt das Thema; auch in Asien redet man darüber, doch mit dem Kopf und der Schulter schüttelnd antwortet man auf die Frage wie man sich dazu verhalten soll. Es wird hingenommen, weil einem auch nichts anderes übrig bleibt. Lediglich als bekannt wurde, dass auch das Handy der Kanzlerin abgehört wurde, hat man sich in Deutschland kurzfristig darüber aufgeregt. Das Thema kam zur Unzeit auf den Tisch; es war Wahlkampf. 

Heute will der US - Präsident im amerikanischen Justizministerium eine Grundsatzrede zu Datenspionage und Bürgerrechten halten. Auch will er das Ergebnis einer monatelangen Überprüfung der Überwachungsprogramme vorlegen. Es wird ein Spagat der äußerstes diplomatisches Fingerspitzengefühl von Obama erfordert. Einerseits muss er der Welt zeigen, dass er reformbereit ist und der Spitzeltätigkeit seiner Geheimdienste Regularien verordnet; dabei muss er aber andererseits den Spionageorganisationen so den Bauch pinseln, dass diese sich in ihrem rechtsfreien Raum nicht eingeengt fühlen. Um etwas bewegen zu können, muss Obama nach außen hin den Geheimdiensten ein wenig die Macht stutzen und zwar so, dass diese auch weiterhin uneingeschränkt tun und machen können, was sie wollen. Die Völker, auch das amerikanische, wollen beruhigt werden. Das wird ihm wohl gelingen.

Passend zum Thema veröffentlichte gestern Abend der britische 'Guardian', dass das globale NSA - Spähprogramm 'Dishfire' tagtäglich die Daten von bis zu 200 Millionen SMS - Mitteilungen abgreift und speichert. Im Besonderen sind dies Adressbücher, Reisepläne und Finanztransaktionen. Das gehe aus einem Dokument aus dem Jahre 2011 hervor, so die britische Zeitung. Gesammelt wird weltweit, 'wahllos und so ziemlich alles, was das Programm kann.'  Benachrichtigungen über entgangene Anrufe geben zum Beispiel Aufschluss über den Bekanntenkreis des Nutzers. Genauso weisen die registrierten Roaming - Benachrichtigungen auf Grenzübertritte hin, auch werden aus den Kurznachrichten Geodaten ausgefiltert. Die NSA selbst benennt diesen unerschöpflichen Fundus vielsagend: 'SMS Text Messages: A Goldmine to Exploit', was so viel bedeutet wie 'SMS - Nachrichten - eine Goldmine zum Ausbeuten'. 

Seit den ersten Enthüllungen im Juni vergangen Jahres wird immer mehr deutlich, wozu die NSA in der Lage ist und was sie schamlos anwendet: E-Mails, Adressbücher, Rechenzentren, Telefonverkehr, Internetkonzerne und vieles mehr werden abgezapft. Die Handys werden abgehört und Miniwanzen in Computer installiert. Das sind die Dinge die bekannt sind; vieles wird noch enthüllt werden, doch überraschen wird uns das kaum. Die Machtlosigkeit gegenüber den Staatsspionen wird uns in eine Lethargie treiben, deren Auswirkungen in der Kultur nachfolgender Generation zu sehen sind. Einzig der chinesische Performer und Systemkritiker Ai Weiwei ist seiner Zeit weit voraus: Er bespitzelt schon heute seine Spione und verarbeitet die Ergebnisse in seiner Kunst. Genauso hilflos wie er selbst, reagiert nun der Staat auf diese Maßnahme.

Vorbildlich sind die Medienkonzerne, die an der Aufdeckung solcher Skandale mitwirken. Um Zugang zu den Informationen zu bekommen, bieten viele von ihnen sogenannte Onlineausgaben an. Die Großen wie die Kleinen sind im Netz und liefern ihre Neuigkeiten an (fast) jeden Ort dieser Erde. Für die Verlagshäuser ist die Internetausgabe die Publikation der Zukunft;  wir ersparen uns den Weg zum Kiosk und müssen nicht darauf achten immer ein wenig Kleingeld in der Tasche zu haben. Von der Qualität, in der Aufmachung und im Preisleistungsverhältnis sind die Netzausgaben vom 'Spiegel' und der 'Süddeutschen' unschlagbar. Das krasse Gegenstück dazu, ist die in Berlin erscheinende 'Morgenpost'; um in deren Onlineausgabe einen Artikel über 'Kinderzeichnungen von Bisky bis Meese'  lesen zu können, muss erst mal bezahlt werden. Dafür werden alle möglichen Angebote unterbreitet: vom Miniabo bis zum Jahresvertrag. Weil das aber alles zu umständlich ist und dazu auch noch Geld kostet, verzichtet man auf die Lektüre. Nachdenken sollten die Blattmacher, denn am Ende hat niemand was davon - weder der Anzeigenkunde noch der Interessierte. Doch,  in 30 Jahren, so die Prognose der heutigen Jugend, wird es ohnehin nichts mehr umsonst geben. Facebook, Google und all die Anderen sind dann nur noch im Bezahlabo nutzbar. Also, warum regen wir uns heute überhaupt darüber auf.

In Singapore geht die Messe ins Wochenende. Bisher war der Besuch zufriedenstellend und das Interesse an unserem Angebot ist auf gutem Niveau gleichbleibend. Die Reservierungen zum Werk von Gerhard Richter verdichten sich; die ersten Geschäftsabschlüsse stehen bevor. Besonders groß aber auch ist die Neugierde zum aktuellen Keramikzyklus von Ma Jun; auch da erwarten wir feste Kaufabschlüsse. Besonders unter den chinesischen Sammlern steht seine Kunst sehr hoch im Kurs. Über ihn, aber auch über Andy Denzler gab es eine interessante Diskussion mit dem Schweizer Großsammler Uli Sigg. Überhaupt wird die 'Art Stage' immer mehr zum absoluten Muss westlicher Sammler. Diejenigen, die gerne den Blick über den Tellerrand wagen, sind von Anfang an mit dabei. Um auf die Veranstaltung neugierig zu werden, war der Aufmacher der 'Süddeutschen' von gestern allerdings weniger hilfreich: etwas abwertend und mit 'Geschmackssache' überschrieben wurde die Bildunterschrift des Titelfotos. Darauf abgebildet sind zu kopflosen Körpern ge(verun)staltete Chilischoten eines einheimischen Künstlers. In der westlichen Welt ist diese Art von Kunst weiß wohl nicht jedermanns Sache. Weil wir zu allem Fremden aber den Adapter benötigen und wenn dieser nicht zur Hand ist, wir gerne zum Transformator greifen, wird durch unsere Unzugänglichkeit oft und vorschnell Unbekanntes als Folklore abgetan. Über den Tellerrand schauen heißt aber auch, den Blick aus dem Inneren des Fremden zu wagen. 

In diesem Sinne wünsche ich einen unverbrauchten Blick in das Innere des bevorstehen Wochenendes. Am Montag kommt der Messeschlussbericht; dann auch wieder aus Berlin.

Bis dahin.

Michael