Michael Schultz Daily News Nr.593

Singapore, den 15. Januar 2014

Liebe Freunde,

täglich aufs Neue liefern die Kollegen aus den großen Verlagshäusern so manch gute Idee für die eine oder andere Story in unserem Newsletter. Man muss nur das Kleingedruckte lesen, die Randbemerkungen studieren und die meist mit angezogener Handbremse verfassten Mitteilungen weiterspinnen. Aus fundierter Nachrecherche, gemixt mit Allgemeinwissen, Lebenserfahrung und dem unabdingbaren Mut zu provokanten Thesen, entstehen dann die besten Geschichten. Je nach Vorlage dauert das Verfassen der 'Daily News' zwischen 45 Minuten und 2 Stunden. Davor wird  in den unterschiedlichsten Medien recherchiert und nach brauchbarem Material gefahndet. Auch das dauert seine Zeit. Stress gibt es bei der Arbeit so gut wie nie; spätestens um 10 Uhr muss das Manuskript zur Weiterverarbeitung im Office sein und wenn das alles klappt, sind die News noch vor 11 Uhr bei den Lesern.

Richtig entspannt ist die Arbeit außerhalb unserer Zeitzone (MEZ); am besten in Asien, denn dort sind wir unserer Zeit um viele Stunden voraus. Beim heutigen Blick in die Weltpresse ist uns aufgefallen, dass auch fernab der Geschehnisse die Sorge um Frieden die Menschheit am stärksten bewegt. Der Syrien-Konflikt ist allgegenwärtig; die Reibereien um eine Inselgruppe zwischen Japan und China bereitet Sorgen; der Konflikt im Südsudan beschäftigt uns genauso, wie der von beiden Seiten kompromisslos geführte Konflikt in Thailand. Im Vergleich zur Heimatpresse kaum unterscheidbar, sind die Kommentare zu den kriegerischen Konflikten; lediglich die Parteinahme unterscheidet sich. Die Ausrichtung der Augenhöhe wird dort anders taxiert. Doch im Kern sucht man nach Lösungen für den Frieden; überall. 

Die weniger aufregenden aber genauso wichtigen Sorgen, werden außerhalb der Frontpages beschrieben. In Malaysia zum Beispiel, macht man sich derzeit große Gedanken um eine ausreichende Versorgung der Bevölkerung. Dort leben circa 100.000 Menschen von der Fischwirtschaft und bringen jährlich rund 1.4 Millionen Tonnen Fisch auf den Markt. Per Dekret wurde nun bis auf weiteres der Export von sechs Fischsorten untersagt. Ursache ist die an der Ostküste noch bis Ende Februar andauernde Regenzeit, mit der ein unberechenbarer von Norden nach Osten verlaufender Monsun einhergeht und mancherorts verherende Wassermassen ablässt. Viele Fischerboote bleiben deshalb im Hafen, dadurch wird die Fangquote nicht unerheblich verringert. Dieser Engpass wird durch Exportverbot ausgeglichen. Eine vernünftige Lösung, die von den Anrainerstaaten akzeptiert wird. Die in Singapur erscheinende 'THE STRAITS TIMES' beruhigt ihre Leser und weist darauf hin, dass die Fischpreise auch während des bevorstehenden Neujahrsfestes stabil bleiben und keine Preiserhöhung zu erwarten ist. Ausgenommen sind die saisonbedingten Preisschwankungen. Zu dieser Zeit wird mehr Fisch aus Thailand, Indonesien, Vietnam und Indien eingeführt.

Bei uns in der Heimat macht man sich derzeit große Sorgen um die Redlichkeit des ADAC. Morgen wird in der Münchner Residenz des Automobilclubs der von der Autowirtschaft begehrte 'Gelbe Engel' vergeben. Mit ihm wird der Deutschen Lieblingsauto gekürt. Gewonnen hat und das ist eigentlich  keine Sensation, der Golf von VW. Wie jetzt bekannt wurde, soll es  bei der Abstimmung jedoch Manipulationen gegeben haben. Nicht auszuschließen, dass die für die Automobilhersteller vermarktungsträchtige Kür durch Manipulation verschoben wurde. Zur Wahl aufgerufen wurden die knapp 19 Millionen Mitglieder des Vereins, doch unterschiedliche offiziell bekanntgegebene Wahlergebnisse erhärten den Verdacht der Verschiebung. Im Dezember wurde vom ADAC verkündet, dass zur Wahl 34.299 gültige Stimmen abgegeben wurden. Tatsächlich, so die 'SZ' von gestern, 'haben wohl nur 3.409 Menschen für das Siegerauto gestimmt'. Was auch immer geschehen war: wenn im Land des Automobils die Stimmen von 3.400 Autofahrern ausreichen, um das Beste unter deren Lieblingsspielzeugen auszuzeichnen, muss nachgedacht werden. Über Sinn und Unsinn solcher Prädikate. Aufgewertet wird die ganze Preisfarce durch die in Massen zur Prozession angekarrte Politprominenz; man will sich die Verleihung des 'Auto Oscars' ('Welt am Sonntag') nicht entgehen lassen. Als schnell verfügbare Helfer auf (fast) allen Straßen dieser Erde leistet der Automobilisten Verein für die Gestrandeten professionelle Hilfe. Auf diese will man auch in Zukunft nicht verzichten. Doch, wie sagt man doch so schön: 'Schuster bleib bei deinen Leisten'. Durch den Skandal ist so manches Andere jetzt öffentlich geworden, was dem bisher unantastbaren Leumund des Vereins  große Probleme bereiten wird. Begehrlichkeit könnte zum Beispiel am Vereinsvermögen entstehen; über eine Milliarde soll der Club über die Jahre angehäuft haben. Das entspricht etwas mehr als 52.000 Euro pro Mitglied. Bei dieser Summe könnte die Begehrlichkeit schon zur Gefahr werden.

Heute wird die 'Art Stage' in Singapore eröffnet. Auch dazu erscheint die lokale Politprominenz und auch diese ist als Vehikel für die Werbetrommel von großem Nutzen. Anders als in der westlichen Welt, folgt man hier gerne den medialen Auftritten prominenter Politiker; man besucht die werbewirksam ins Bild gesetzten Orte. Weil Singapore mittelweile aber auch eine beliebte Destination des internationalen 'Messezirkus' ist, haben sich viele Besucher aus der westlichen Welt, aus Korea und Japan angekündigt. Professionell begegnet man diesen in ihrer Sprache; wer dies leisten kann, hat schon gewonnen. 

Unseren Schwerpunkt bei dieser Messe haben wir auf drei Künstler gerichtet: auf Gerhard Richter, Andy Warhol und den aus Peking stammenden Keramikkünstler Ma Jun. Auf nahezu 100 Quadratmetern Standfläche zeigen wir Meisterwerke dieser Künstler. In ihren Heimatsprachen bedient werden unsere Besucher von Ricarda Brosch (Chinesisch/Französisch/Englisch/Deutsch); von Sung Sun Cho (Koreanisch/Deutsch/Englisch); von Hu Huijun (Chinesisch/Japanisch/Englisch); Julia Saul (Englisch/Deutsch/ Französisch/Italienisch). Gut gewappnet also gehen wir ins Rennen. Mit der Fotostrecke zur Messe warten wir morgen auf.

Bis dahin.

Michael