Michael Schultz Daily News Nr.591

Singapore, den 13. Januar 2013

Liebe Freunde,

vieles im Leben hätte man anders, besser oder gleich gar nicht machen sollen. Zusammenfassend könnte diese Erkenntnis das Ergebnis einer Befragung unter den chronisch Unzufriedenen sein. Diejenigen, die von sich behaupten, dass alles was sie im Leben erlebt haben, genau so sein musste wie es gekommen ist, sind die Glücklichen unter uns. Es gibt nicht viele davon, aber als spürbares Gegengewicht zu den ewig Klagenden immerhin genügend. Die Gründe für deren Schicksal finden sie selten bei sich selbst; gesucht wird woanders. Die Partnerschaft ist dabei das größte Unheil unserer Zivilisation; in ihr werden die Defizite der 'Verlierer' am deutlichsten sichtbar.  So zumindest hört sich das aus berufenem Munde an. Wer von sich behaupten kann, dass er bisher in seinem Leben alles richtig gemacht hat und vom Erlebten nichts missen möchte, meistert die Krisen wie sie kommen: voller Leidenschaft, tränenreich und wehmütig - aber niemals ängstlich. Der Blick nach vorne klärt die Sicht nach hinten.

Auf zu neuen Ufern lautet deren Schlachtruf; frisch gepudert und mit viel Geschrei geht's auf die Pirsch und es dauert in der Regel nicht lange, dann beginnt ein weiteres Kapitel im anregenden Auf und Ab einer sich anbahnenden neuen Partnerschaft. Den vom Leben Gedemütigten bleiben diese Schritte verwehrt. Um einen neuen Partner zu finden, beschreiten sie andere Pfade und werden dabei zu wahren Textkünstlern. Sie treten als aufgeschlossene, lebensbejahende und rundum zufriedene Zeitgenossen auf und um das Glück perfekt zu machen, wird via Textanzeige im Heiratsmarkt oder in den 'Lonely Hearts' ein Freund für immer gesucht. Die ganze Schmach ihres bisherigen Daseins wird wohlweislich verschwiegen, man gibt sich eloquent und den schönen Dingen des Lebens aufgeschlossen. soweit, so gut.

Bei genauerem Blick in die Spalten des Heiratsmarktes allerdings fällt sofort auf, dass ein erschreckend großer Anteil der vom Glück geschmähten, gerne ins Theater geht, Museen und Galerien besucht, und recht häufig die Oper und das Konzert frequentiert. 'Möchtest du auch wieder einfach zu zweit sein? Für Kino oder Theater, für Konzerte und Ausstellungen, für die Berge oder Barcelona', lauten die Texte in den Kleinanzeigen, 'dann finde das Glück mit mir gemeinsam'. Glaubt man den Verfassern so ist der gemeinsame Genuss von Kultur, Sport und Reisen das Bindeglied zur wahrhaften Glückseligkeit.  Im Umkehrschluss würde dies bedeuten, dass viele von denen, die alleine zu kulturellen Veranstaltungen erscheinen, einerseits auf der Suche nach einem Partner sind, aber andererseits auch ganz schön vom leben malträtiert wurden.

In den B - Movies des deutschen Fernsehens beginnt so manch leidenschaftliche Beziehung mit der Anmache bei einer Ausstellungseröffnung. Zwei Sätze zur Kunst und schon ist man beim Thema. Schneller geht es kaum; nicht mal am Arbeitsplatz. Die leidvolle Lebensgeschichte wird kurzzeitig ausgeblendet, im Dickicht und Schutz der Anderen  fühlt man sich vom Ballast befreit, gar ungezwungen und bereit zum Flirt für ein neues Leben. So gesehen sind die Vernissageabende ein optimaler Tummelplatz für Heiratswillige. Ein aufregendes Thema, welches es zu erforschen gilt.

Der Sinneskrise folgt die Beziehungskrise und wenn die Sinne wieder geschärft sind, geht es auch in der Beziehung wieder aufwärts. Könnte man annehmen.  Unter diesem Gesichtspunkt ist die überraschende Ankündigung von Anselm Reyle, dass er  bis auf Weiteres seine künstlerische Produktion einstellt, ein eindeutiger Hinweis darauf, dass ihm der Verlust der Sinne (zumindest vorübergehend) die Beziehung zu sich selbst verklärt hat. Jetzt nimmt er eine Auszeit und hofft, dass diese ihm  dazu verhilft, wieder zu sich zurück zu kommen. Bei Reyle und auch das kann man annehmen, hat die Kunst genau das Gegenteil dessen bewirkt, was so viele in ihr suchen: tiefgründiger Kontakt außerhalb der Oberfläche. Ein Widerspruch in sich, der im Wirrwarr von Erklärungen und Deutungen leider zum Alltag vieler Ausstellungsbesucher gehört. Verstanden werden will kaum jemand; gehört werden will man.  Hier spätestens schließt sich der Kreis zu denen, die per teurer Werbeanzeige um Zuneigung buhlen. Die soziale Funktion von Ausstellungseröffnungen ist demnach nicht hoch genug einzuschätzen.

Dass es dabei nicht immer nur um das 'eine' geht, beweist folgende Kleinanzeige; gefunden im Heiratsmarkt der 'Süddeutschen' vom vergangenen Wochenende: 'Schlanke, sportliche, niveauvolle, aparte Mittsechzigerin sucht humorvollen, mutigen, impotenten oder homosexuellen Freund für vertrauensvolles Miteinander. Mag Golf, klassische Musik, Literatur, etc. Freue mich auf jede nette Zuschrift.'

Ein Tor, der Böses dabei denkt. Die Gespräche sind unter solchen Vorbedingungen nicht unbedingt tiefgründiger.

In diesem Sinne versuchen wir es morgen wieder und senden bis dahin ganz herzliche Grüße aus Singapore.

Michael