Michael Schultz Daily News Nr.570

Berlin, den 29. November 2013

Liebe Freunde,

im Südwesten von Baden-Württemberg, uns bekannt durch gutes Essen und guten Wein, war man der Zeit schon immer ein wenig voraus. Der politisch einst pechschwarze Landstrich gebar die ersten Grünen Bürgermeister;  Photovoltaik, Biogas und andere  Energieinnovationen wurden dort entwickelt, besessen umgesetzt und gebetsmühlenartig als die Rettung der Menschheit beworben.  Starrsinnig, eigensinnig und Gerechtigkeitsfanatiker sollen sie sein; bis aufs Blut verteidigen sie ihre Ideale. Der Alte Fritz hätte seine wahre Freude an ihnen gehabt - nach ihrer Faҫon sind sie glücklich. Ein Blick über den Tellerrand gehört dort zum Alltag. Er liefert Ansätze und Ideen für große Vorhaben. 

Im aktuellen 'Monopol' bewirbt eine dort ansässige Personal- und Unternehmensberatung halbseitig die Suche nach einer Kunstgalerieassistenz (m/w). Ein freier Arbeitsplatz soll besetzt werden; im Aufgabenprofil jedoch wird Arbeit für mindestens drei Jobs beschrieben. So soll der künftige Mitarbeiter u.a. 'die Vermarktung von internationalen Künstlern per Internet und Telefon' voranbringen; 'Erfahrung in der Konzeptionierung und Organisation von Marketing- und Kommunikationsmaßnahmen' haben; fähig sein, den 'Ausbau des Netzwerkes zu Galeristen und Multiplikatoren ... nach quantitativen Gesichtspunkten' voranzutreiben; 'Verwaltung und Pflege von Neukunden ... sowie die Umsetzung von Kundenwerbungskonzepten' genauso auf dem Schirm haben, wie die 'inhaltliche Bearbeitung der eigenen Homepage, sowie Pflege und Erstellung von Broschüren und Newslettern'. Vorausgesetzt werden weiterhin 'Idealismus und Emotionalität in Verbindung mit den Themen Kunst und Nachhaltigkeit sowie Ressourcen'; unabdingbare Qualifikation sind 'Hands-on-Mentalität, und gutes, zuvorkommendes Benehmen in allen Gesellschaftsschichten sowie die Bereitschaft zu Reisetätigkeit.' 

Um diesen Job bekommen zu können, muss man vieles mitbringen: 'Engagement und Freude', 'Belastbarkeit und Stressresistenz', Charakterstärke und Ehrlichkeit', auch 'Zuverlässigkeit und Willenskraft'.  Ohne diese Attribute läuft im Südwesten ohnehin nichts. Im Stellenprofil wird ausdrücklich nicht erwartet, dass man 'die Vita der Künstler im Schlaf aufsagen kann'; 'Vertriebserfahrung und Verhandlungsgeschick' sind wichtiger.

Kenntnisse und Gespür über Inhalt und Vision von Kunst und Künstlern sind  nicht erforderlich. Die Galerie entsteht am Reißbrett; ihr Untergang ist besiegelt. Ohne klares inhaltliches Konzept wird am Ende eine Rahmenhandlung dabei herauskommen. Sicherlich wird auch Kunst angeboten, doch der Fokus liegt auf dem Drumherum. So wie im Stellenprofil.

Wer von außen auf unsere Arbeit blickt, erkennt vieles nicht. Wer in die Tiefe geht, sieht worauf es uns ankommt: stets geht es um Propagierung und Teilnahme am künstlerischen Diskurs sowie um die Positionierung von Ideen, die von Künstlerhand geschaffen wurden. Zielstrebig und nachhaltig. Sachkenntnis schafft Vertrauen, und davon ernähren wir uns. 

In der kommenden Woche sind wir mit unserer Unternehmung in Miami. Dort präsentieren wir auf der 'Art Miami'  die Kunst von: Andy Denzler, Bernd Kirschner, Römer + Römer, SEO, Gilbert & George, Damien Hirst, Martin Kippenberger, Annette Merrild, Udo Nöger, A.R. Penck, Sigmar Polke, Simon Raab und Andy Warhol. Immer wieder ist die Reise dorthin  mit vielen Erwartungen verbunden. Kuratoren und Sammler aus den USA sind nach wie vor das Nonplusultra.

Heute Abend, und nicht ganz so weit entfernt, zelebriert Sonja Alhäuser im Kunstverein zu Wolfsburg eine Dinner Performance. Dies geschieht im Rahmen der Eröffnung zur Ausstellung von 'Let's Eat Together'. Künstlerküchen und Tischgesellschaften sind Dreh- und Angelpunkt gemeinschaftlichen Denkens; anhand der Kunstwerke von Gordon Matta-Clark, Daniel Spoerri, Sonja Alhäuser und anderen soll dies dokumentiert werden. Die Ausstellung kann bis zum 2. Februar 2014 besichtigt werden. (Schlossstraße 8, 38448 Wolfsburg)

In Baden-Württenberg, meiner Heimat, in der ich groß geworden bin, gibt es ein altes Sprichwort: 'schaff und erwirb - zahl steuern und stirb'. Eingraviert in die Holzbalken alter Fachwerkhäuser ist dies auch heute noch zu sehen. Arbeit und Inhalte sind untrennbar, auch im äußersten Südwesten. Daher der Hinweis, dass alles was in dieser Woche im Newsletter nicht erschien, zum Erwerb ebenso wichtig war. Manchmal mal muss man Prioritäten setzen.

In der kommenden Woche berichten aus Miami.

Bis dahin wie immer beste Grüße.

Michael