Michael Schultz Daily News Nr.569

Berlin, den 28. November 2013

Liebe Freunde,

'Monopol' feiert in einer Glanzausgabe das Erscheinen seiner 100sten Ausgabe. Mit 162 Seiten abermals ein Prachtexemplar. Dieses Mal eben mit der in Gold gefassten Hundert auf dem Titel. Die 1 mit den zwei Nullen wurde von Gregor Hildebrandt gestaltet, und dass das nicht einfach war, wird freimütig im Editorial offengelegt.  Bereits dort, auf der ersten lesbaren Seite, wird dokumentiert, dass 'Monopol' das geblieben ist, was es einst sein wollte: innovativ und eben ein bisschen 'anders als die Anderen.'  Zu den Gründern gehörte der Feuilletonist Florian Illies (FAZ; ZEIT), der mit seinen beiden Bestsellern 'Generation Golf' und  '1913 - Der Sommer des Jahrhunderts' Literaturgeschichte geschrieben hat. 

Mit viel Leidenschaft, manchmal ein wenig kopflastig, aber immer ein großes Stück der Zeit voraus, produzieren die Blattmacher Monat für Monat ein kleines Meisterwerk. Ähnlich wie beim 'Spiegel' ist es auch 'Monopol' gelungen, eine eigene Heftsprache zu entwickeln; mit ihr wird Lesen zum Genuss. Im Layout hat man sich Gott sei Dank von den mitunter bedrückenden 'Bleiwüsten' verabschiedet; heute wird Inhalt auch durch Gestaltung vermittelt. Einzig die zu klein geratene Schrift wäre zu bemängeln. Doch vielleicht ist sie der beste Hinweis auf die Jugendhaftigkeit - von Machern und Lesern zugleich. 

Jetzt zum Jubiläum wurden einhundert Persönlichkeiten der Kunstszene nach ihrem Lieblingswerk befragt. So manch überraschende Liaison kommt dabei ans Tageslicht: Marcel Odenbach, Susanne Gaensheimer und der Verleger Gerhard Steidl sind dabei im Werk von Andy Warhol fündig geworden; Rosemarie Trockel und Max Hollein, wer hätte es gedacht, lieben gleichsam den Edelstahl 'Rabbit' von Jeff Koons. Zaha Hadid,  stets bejubelt durch ihre in aller Welt platzierten architektonischen Großplastiken, findet ihr Seelenheil in Christos verpacktem Reichstag. Catrin Lorch von der 'Süddeutschen'  wiederum liebt einen kopfüber von der Decke baumelnden Seehund von Rosemarie Trockel, und Nicolaus Schafhausen, Direktor der Kunsthalle in Wien, hat Jackson Pollocks 'Number 32' zu seinem Lieblingswerk erklärt. Aus ihm liest er den Beginn einer neuen Abstraktion in der Kunst. 

Volle 32 Seiten widmet das Heft der Befragung. Im Ergebnis ein gelungener Versuch, Intimstes aus dem Innersten der Kunstwelt zu erfahren. So manche Offenbarung verwundert; vieles findet sich in der Biografie der Gefragten wieder; einiges wiederum ist nicht zusammen zu bringen. Aber genau das macht die Hitliste so spannend. Auch wenn es  nicht immer gelingt -man lernt Denken zu verstehen, und darauf (unterstellt) haben es die Blattmacher abgesehen. Womöglich lieferte das alte Griechenland den Hinweis dazu: 'zeige mir Deine Freunde, und ich sage Dir wer Du bist'. 

In unserem Kulturkreis wird diese Erkenntnis eher abwertend mit 'wie der Herr so's Gescherr' umschrieben. Im Kern bedeutet das dasselbe; die Sprache ist es, was unterscheidet.  Genau das ist der Grund, warum uns 'Monopol' so sehr ans Herz gewachsen ist. Nun bleibt zu hoffen, dass es 'Monopol' gelingt, eine weitere Null an die Eins zu hängen. Wir werden es kaum erleben; aber so lange es geht, uns gegenseitig, respektvoll und auf Augenhöhe, begegnen.  

Wir sehen uns heute vielleicht auf dem Weg zum Kiosk, dort wird der Jubiläumsband zum Preis von 9 Euro angeboten. Viel Spaß beim Lesen und beste Grüße.

Michael