Michael Schultz Daily News Nr:561

Berlin, den 18. November 2013
 
Liebe Freunde,
 
der 'Spiegel' hat die Umstände des Schwabinger Kunstfundes in seinem heute erschienenen Heft zum Titelthema gemacht. Viel Neues wird darin nicht berichtet; dennoch ist es dem Blatt gelungen, ein einfühlsames Psychogramm von Cornelius Gurlitt, dem Besitzer der vielen Kunstwerke, aufzuzeichnen. Ein alter Mann, der aus einer anderen Welt zu stammen scheint, der den ganzen Wirbel um ihn und seine Kunst nicht verstehen kann. Keines seiner Bilder will er abgeben, 'freiwillig gebe ich nichts zurück' sagte der 80-Jährige dem 'Spiegel'. Die genau 1.280 im Rahmen einer Steuerfahndung bei ihm gefundenen Werke habe sein Vater rechtmäßig erworben, und deshalb gehören sie ihm. Zum Nachweis habe er der Staatsanwaltschaft bereits genügend Belege geliefert, die ihn von jedem Verdacht entlasten. Die Justiz ermittelt wegen Steuerhinterziehung und Unterschlagung. Laut Spiegel sind die Anschuldigungen kaum aufrecht zu erhalten. Letztlich geht es um die Schuld eines Verstorbenen, um die Schuld seines Vaters Hildebrand Gurlitt.
 
Das ganze Verfahren scheint den Augsburger Fahndern aus dem Ruder gelaufen zu sein. So sehr, dass sogar Angela Merkels Regierungssprecher, Steffen Seibert, den Weg nach einem rechtsstaatlichen Verfahren anmahnt. Öffentliches Aufklärungsinteresse und die Interessen der Justiz müssten in Einklang gebracht werden; augenblicklich hat die Justiz noch keine Idee, wie das geschehen soll. Rechtsexperten sind einhellig der Meinung, dass nach geltendem Recht die Kunstwerke dem derzeitigen Besitzer gehören. Die einzige Chance, an das Konvolut heranzukommen, ist ein Deal mit dem alten Mann. Sollte er sich mit einem solchen anfreunden können, im Augenblick spricht vieles dagegen, könnten mögliche Restitutionsansprüche unbürokratisch und zeitnah erledigt werden. Andererseits wird eine Prozesslawine angetreten, in der die Erben der Erben sich gegenseitig ihre Ansprüche streitig machen. Um dies zu verhindern, sollte man dem weltfremden alternden Herrn schnellstens einen Anwalt zur Seite stellen. Noch ist dieser jedoch der Meinung, dass er es ohne anwaltliche Hilfe schaffen wird.
 
Das bayerische Justizministerium, das die Beschlagnahme rechtfertigen muss, geht - im Gegensatz zur weitverbreiteten Meinung - nicht davon aus, dass Ansprüche Dritter unbedingt verjährt sind; so der 'Spiegel'. Vorsichtshalber prüft das Ministerium trotzdem, ob man im Zweifelsfall Verjährungsfristen erweitern sollte. Rechtsstaatlich gesehen wäre dies eine Sensation. Da ist noch viel im Argen, und die Diskussion um Rechtmäßigkeit und Rechtsstaatlichkeit wird uns noch lange beschäftigen.
 
Das Interesse an diesem Verfahren wäre sicherlich weitaus geringer, wenn nicht die Justiz von einem Milliardenfund gesprochen hätte. Je mehr aus dem Konvolut öffentlich wird, desto geringer wird sein Wert. So wie es augenblicklich aussieht, kann von einer Schätzung im hohen zweistelligen Millionenbereich ausgegangen werden. Immer noch sehr viel, aber im Vergleich zu den vielen Millionen, die für aktuelle Kunst ausgegeben werden, eine eher bescheidene Summe.
 
Zu hoffen bleibt, dass sich die Dinge schnell richten. Das geht nur mit dem alten Mann; dieser ist dem Vernehmen nach von der Staatsanwaltschaft noch nicht mal vernommen worden. Zur beschleunigten Aufklärung ist dies unabdingbar.
 
Rein sportlich gibt es vom vergangenen Wochenende wenig zu berichten. Am Ende dieser Woche wird in der Fußballbundesliga wieder gespielt, und dann kommt es zu dem lange ersehnten Match zwischen Borussia Dortmund und den Münchener Bayern. In der Steueraffäre um Uli Hoeneß hat sich im Vorfeld dieser Begegnung nun sein Bruder Dieter zu Wort gemeldet. Die öffentliche Auseinandersetzung darüber nennt er eine 'Unverschämtheit'. Keiner von uns sei fehlerfrei sagte er in einem Fernsehinterview 'und deshalb hätte er die öffentlichen Prügel nicht verdient.' Manchmal ist besser, wenn man einfach die Klappe hält. So wird nur noch mehr Öl ins Feuer gegossen.
 
Das tue ich jetzt auch und verabschiede mich bis morgen

mit den besten Grüßen,

Michael