Michael Schultz Daily News Nr.527

Berlin, den 1. Oktober 2013

Liebe Freunde,

jetzt also doch will die CDU mit den Grünen in Sondierungsgespräche gehen. Für Freitag kommender Woche ist die erste Sitzung anberaumt; parteiintern fixiert man sich auf die ökologischen Kernthemen. In diesen gibt es für die einstige Ökopartei wenige Kompromisse; alles andere scheint verhandelbar. Die Grünen wollen die Chance  nutzen und durch die Gespräche mit den Konservativen zu ihrem Markenkern zurück finden. Auch die im Wahlkampf groß angekündigten Steuererhöhungen sind nicht mehr zwingend. Auch wenn es derzeit noch ein wenig verschämt rüberkommt: mit aller Macht will man an die Macht. Für unsere parlamentarische Demokratie wäre das auch gar nicht so schlecht. Mit der SPD hätten wir eine starke Opposition, die durch ihre Übermacht im Bundesrat auch auf Gesetzgebungsebene ihre politischen Ideen eingeben könnte. Schon jetzt besitzt sie durch dieses Instrument einen enormen Gestaltungsradius. Eine kleine Koalition wäre für unser Land nicht das Schlechteste. Kommt es zu einer großen, wäre Gregor Gysi der Oppositionsführer, und das glaube ich, würde uns nicht weiterbringen.  

Starke Bedenken zu Schwarz-Grün kommen von der CSU. Die Bayern verstehen sich ohnehin als ökologisch und sozial ausgerichtete Volkspartei. Doch mit ihren beiden Wahlkampfhauptthemen könnte schnell ein Kompromiss gefunden werden: die Grünen helfen bei der Reduktion des Straßenverkehrs und befürworten die von Horst Seehofer geforderte PKW-Maut. Im Gegenzug stimmen die Bayern dem 'Veggie Day' von Renate Künast zu. Weil dieser ohnehin nur als Empfehlung für Staatskantinen gedacht war, wäre ein späteres Umkippen ohne weitere Folgen. Mit diesen Themen würde man 1:1 auf Augenhöhe verhandeln; für die Grünen unabdingbar.

Einen fleischlosen Tag als Werbemagnet ins Zentrum des Wahlkampfes zu stellen, das war schon recht mutig. Da muss der Teufel die Künast geritten haben. Andererseits hat gerade dieses Thema so viel Aufmerksamkeit erhalten, dass die Diskussion über gesunde Ernährung wieder mehr in den Mittelpunkt getreten ist. In diesem Bereich gibt es tausende von Spezialisten, von denen jeder seine eigene Wissenschaft hat. Im GMX-Magazin wird heute z. B. darauf hingewiesen, dass einige Nahrungsmittel, die bisher als recht gesund eingestuft wurden, genau das Gegenteil bewirken.

So sind z. B. die fettfreien Salatdressings recht ungesund. Vollgestopft mit Dickmachern wie Zucker, Fruktosesirup oder Emulgatoren, eigenen sie sich hervorragend zur Gewichtszunahme. Auch die Reiswaffel, einst ultimatives Diätlebensmittel, ist eine  Kalorienbombe schlechthin. Durch ihren hohen Kalorienanteil wird der Blutzucker in die Höhe getrieben, und aufgrund ihres hohen glykämischen Indexes die Ausschüttung von Insulin; am Ende der chemischen Reaktion bildet sich Fett im Bereich der Hüften. Fertigmüslis enthalten Salz, Zucker und Konservierungsstoffe; auch diese bewirken eher das Gegenteil von dem was man erwartet. Schlussendlich ist der Verzehr von gesalzenen und gerösteten Nüssen das ungesündeste, was man seinem Körper antun kann. Der Blutdruck steigt in die Höhe  und das im Röstungsprozess entstandene schlechte Cholesterin steigert die Gefahr für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Wenn man das alles zu dicht an sich ran lässt, dann stehen bald nur noch frisch gezupfte Brennnesselblüten auf dem Tisch. Daran würden sogar die Grünen verhungern.

Dass essen auch anders geht, sagt der anerkannte Lebensmitteltechniker Udo Pollmer. In einem Interview mit der 'Zeit' widerspricht er der grünen Arterhaltungsformel. Der Körper fordert was er braucht; Diäten hält er für Gewalt. Man soll essen, wozu man Lust hat. Diese These wirft auch mich ein wenig aus der Bahn; aber sie ist lesenswert. Das gesamte Interview ist auf folgendem Link zu lesen:

http://www.zeit.de/lebensart/essen-trinken/2013-06/ernaehrung-diaeten 

Beim Schälen von Kartoffeln hat einst Joseph Beuys seine These, dass jeder Mensch ein Künstler ist, erklärt. Er, dem man heute eine zu enge Nähe zu alten Nationalsozialisten nachsagt,  gehörte zu den Gründungsvätern der Grünen-Bewegung. Diese hat in den vergangen drei Jahrzehnten unser Bewusstsein für den Umweltschutz gestärkt. Innerhalb, aber auch und außerhalb ihrer eigenen Reihen. Alle anderen Parteien haben den Ball aufgenommen und das Spiel verfeinert. In seiner Zeit als Umweltminister hat der Grüne Vormann Trittin Entscheidungen getroffen, die für seine Bewegung tödlich hätten sein müssen. Viele. Jetzt könnten die Grünen dort ankommen, wo sie sich Joseph Beuys einst gewünscht hat: in der bürgerlichen Mitte. Die Metamorphose einer Idee hätte ihr Ziel erreicht, und die Ernährungsbevormundung würde recht schnell in den Archiven der Museen verstauben. So wird Leben zur Kunst, und genau das wollte Beuys.

In diesem Sinne wünsche ich für heute einen schönen Tag. Seid gegrüßt.

Michael