Michael Schultz Daily News Nr.523

Beijing, den 25. September 2013

Liebe Freunde,

Beijing zeigt sich heute von seiner schönsten Seite. Strahlend blauer Himmel und eine Luftqualität, die man bei uns nur von den Höhen des Schwarzwaldes her kennt. Die Temperatur wird mit 17 Grad ihren Höhepunkt erreichen; Kaiserwetter im Reich der Mitte. Das beruhigt die Gemüter und man spürt dies in vielen Dingen des Alltages.

Überhaupt,  China ist das große Land mit den vielen Widersprüchen. Einerseits ist Landbesitz in Privateigentum so gut wie unmöglich. Der Grund bleibt immer Eigentum der Volksgemeinschaft und wird vom Staat ähnlich unserer Erbpacht vergeben. Dies gilt für kleine Bauernhäuser ebenso wie für große Industrieanlagen. Gebäude die darauf erstellt wurden, bleiben im Besitz der Erbauer. Nach Ablauf des Pachtvertrages (70 Jahre) jedoch,  auch im Falle des Ablebens des Pächters, müssen diese von den Nachfahren 'ausgelöst' werden. Dies ist ein spezielles Verfahren und wird in der Regel durch das örtliche Politbüro geregelt; beim Festlegen des 'Rückkaufwertes' sind Tür und Tor für Korruption offen. Diese wird stillschweigend akzeptiert, weil in China ohne Schwarzgeld ohnehin nichts läuft.

Schon bei oberflächlicher Betrachtung des Parteiprogramms der KP China wird deutlich, dass das Anhäufen von Privatvermögen nicht nur verpönt, sondern geächtet und auch strafbar ist. Angesichts dessen wundert man sich über die vielen reichen Leute, die zeigen was sie haben und stolz darauf sind. Dieser Reichtum ist nur möglich, und darüber besteht stillschweigend Einigung, wenn die Geschäfte durch Parteifunktionäre gedeckt werden. Dabei fließt viel Bares unter dem Tisch und versorgt die nicht selten unersättlichen Parteibonzen mit Frischgeld.

Diese Geldströme werden vom Geheimdienst der KP erforscht und erfasst und in wohlverwahrten Kladden aufbewahrt. Informationen hierüber erhalten die Parteispitzel in der Regel vom Geldgeber, der sich damit weiteres Wohlwollen erkauft und nach oben absichert. Das Ganze geht lange gut und verschafft den beteiligten Vermögen und Ansehen. Gefährlich wird es erst dann, wenn die Bestochenen nach größerer politischer Macht streben. Dann werden die Kladden geöffnet und der Betrug am Volksvermögen durch öffentliche Schauprozesse in Szene gesetzt. Bestes Beispiel ist der gerade zu Ende gegangene Prozess um Bo Xilai. Wie berichtet wurde er vergangenen Sonntag für sein korruptes Verhalten zu lebenslanger Haft verurteilt.

Wer sich still und unauffällig am Volksvermögen bedient, lebt in China wie die sprichwörtliche Made im Speck. Auch wenn es widersprüchlich erscheint: Reichtum im Land ist nicht verpönt. Im Gegenteil; Besitz ist gleich Macht. Diese allerdings gehört ausschließlich der Partei, und wer sich an den Regularien verstößt, dem geht es an den Kragen.

Brav und unauffällig konnte der südchinesische Beautycoon, Wang Jianlin, sein Vermögen zusammentragen. Mit mehr als 14 Milliarden Euro Privatvermögen ist er heute der reichste Mann im Land. Nun gibt er ein wenig von dem zurück, was ihm lt. Volksstatut gar nicht gehört. In Qingdao, der einst von Deutschen erbauten Biermetropole, will er nun ein gigantisches Filmproduktionsareal   erbauen. Einige Milliarden will er dort investieren, um Chinas 'kulturelle Macht' weiter auszubauen. Wenn es dann soweit ist, wird der Prachtbau durch die regionale Politprominenz eröffnet. Auf dem Weg dahin wurden ihre Taschen gefüllt. Während der Zeremonie verweilt der Investor im Hintergrund; wohlweislich warum. Die Show gehört der Partei. Immer. 

Wer sich wie ich viel in der Weltgeschichte herumtreibt, dem kann mitunter der Überblick verloren gehen. So wurde der Newsletter von gestern mit Beijing als Absender versehen, geschrieben und versandt wurde er allerdings von Seoul. Einige Leser haben es bemerkt; wir bedanken uns für den Hinweis. Die Angaben von heute stimmen mit den tatsächlichen Begebenheiten überein. In Beijing beginnen wir mit dem Abbau der Mammutausstellung. Auch dieses Projekt hat schmerzlich erfahren müssen, dass die Macht des Geldes über der Kultur des Dialogs steht.

Morgen mehr. Bis dahin sende ich wie immer die besten Grüße.

Michael