Michael Schultz Daily News Nr.522

Beijing, den 24. September 2013 

Liebe Freunde,

die Frage, warum das Lufthansa-Kabinenpersonal Seoul als Destination nicht so gerne anfliegt, hat mich noch lange beschäftigt. Also bin ich mit offenen Augen durch die Stadt gewandelt und manches ist mir dabei so aufgefallen. Nirgendwo auf der Welt achtet man mehr auf die Einhaltung von Regeln: wer sich zum Beispiel am Flughafen am Business Check In anstellt, aber nur ein Eco-Ticket hat, der wird unweigerlich zurückgeschickt. Frühstück im Hotel gibt es bis 10.30 Uhr, und das bedeutet, dass es ab 10.31 nichts mehr zu essen gibt; wer noch einen Kaffee haben will, muss diesen extra bezahlen. Die gesamte koreanische Ordnung ist an diesen beiden kleinen, und in unserer Kultur weniger bedeutenden Beispielen ablesbar. Wer dagegen verstößt, wird geächtet; wer sich diesem System unterwirft wird geachtet. Die gesellschaftliche Gliederung ist in einem Kastensystem klar definiert. Der Weg nach oben erfordert Demut und Unterwerfung. Oben angekommen, bekommt man zurück was man unten gegeben hat. 

Nicht wenigen Koreanern ist diese Buckelei mittlerweile zu anstrengend geworden. Besonders die jungen folgen anderen Idealen und gehen ihre eigenen Wege; so erklärt sich auch, warum viele von ihnen in der westlichen Welt eine neue Heimat gefunden haben. Ganz sicher aber wird es noch einige Generationen dauern, bis die Menschen dort von ihren traditionellen Gesellschaftsformen ablassen und sich in einem freieren und offeneren Miteinander wiederfinden. Viele Lufthanseaten haben ihre Rollen als Respekt einflößende Machtpersonen verinnerlicht: solange das so ist, und in Korea die Uhren eben anders ticken, wird die Airline nicht umhin kommen, Sonderprämien fürs fliegende Personal auszuloben. In anderen Branchen bekommt man fürs richtige Anstellen keine 'Gefahrenzulage'; aber vielleicht ändert sich ja da noch was.

Nach und nach folgen auf das überraschende Ergebnis der Bundestagswahl die ersten Analysen; auch gibt es erste personelle Ankündigungen. So will der gesamte Grünen-Vorstand im Oktober nicht mehr zur Wahl antreten. Dies verkündete die Co-Vorsitzende Claudia Roth. Sie wechselt lediglich die Fahrbereitschaft und will in der kommenden Wahlperiode Bundestagsvizepräsidentin werden. Bei der FDP kündigt sich ebenfalls ein Rundumschlag an: der Parteivorstand um Phillip Rösler gibt auf. Als Nachfolger wurde ausgerechnet Christian Lindner ins Gespräch gebracht. Als Generalsekretär unter Guido Westerwelle hatte er seinerzeit wesentlich zu dessen Sturz als Parteichef beigetragen; in der Folge ist er somit auch für das jetzige Desaster mitverantwortlich. Doch jetzt soll er's richten. So geht Politik.

Bei der Betrachtung der einzelnen Wahlergebnisse wird deutlich woran es lag, dass die FDP so weit abgestürzt ist. Für den Vorsitzenden Rösler stimmten in seinem Wahlbezirk nur 2,6%, und für den Parteigeneral Patrick Döring lediglich magere 1,5%. Diese Zahlen sprechen für sich. Woher will eine Partei ihre Stimmen holen, wenn die Akzeptanz der oberen so gering ist. Da war eine Dilettantentruppe am Werk, die einen nur schwer wiedergut zu machenden Schaden angerichtet hat.

Mit Spannung erwarten wir nun die Verhandlungen für mögliche Regierungsbeteiligungen. Die Bundeskanzlerin kann dabei nichts falsch machen. Egal mit wem sie regiert; einzelne Forderungen der Gegner werden in der nächsten Legislatur regierungsamtlich beschlossen werden. Dazu gehören mit Sicherheit der Mindestlohn und partielle Steuererhöhungen ebenso wie die Einfuhr einer PKW-Maut. Das wird alles so geschickt verpackt, dass sich kaum jemand darüber aufregt, und zur nächsten Wahl wird die CDU jenseits der 50% aufschlagen. Man ist fast geneigt darauf Wetten anzunehmen. Die Wähler wollen beschummelt werden, und wer das am besten kann, steht oben.

Wie bereits gestern angekündigt, werde ich heute Abend Korea wieder Richtung China verlassen. Der Hauptgrund meiner Reise, die Besichtigung einer neuen Galerielocation, war unbefriedigend. Anregende Gespräche mit dem Gallery Team und einigen Künstlern haben den Trip hierher trotzdem zum Erfolg geführt.

Die Qualität der News aus Asien ist zurzeit mitunter recht mager. Das liegt ausschließlich daran, dass die Netzverbindungen augenblicklich so schlecht sind, dass es mir bisher noch nicht gelungen ist, den täglichen Bericht ohne Computerabsturz abzusenden. Man kann es kaum glauben: in der Heimat von Samsung stimmen zwar Inhalt und Design; die technischen Voraussetzungen zur Umsetzung sind jedoch noch recht vorsintflutlich. Leider.

Morgen dann wieder aus Beijing. Bis dahin die besten Grüße.

Michael