Michael Schultz Daily News Nr.519

Berlin, den 19. September 2013

Liebe Freunde,

ziemlich hilflos erschienen gestern früh zwei Kollegen von der  New Yorker Galerie 'Freight and Volume'. Sie sind Aussteller auf der 'Berliner Liste', doch ihre Ware wurde vom Zoll nicht rechtzeitig freigegeben. So standen sie zur Eröffnung der Messe ohne Kunst da. Da wir im kommenden Frühjahr ohnehin einen ersten kleinen Künstleraustausch mit den New Yorkern geplant haben, wurden  sie durch uns mit Ausstellungsgut versorgt.  Arbeiten von Bernd Kirschner und Römer + Römer  sind so ab heute  am Messestand G0.32 der 'Freight and Volume' Gallery auf der Berliner Liste, Köpenicker Straße 70 in 10179 Berlin zu sehen. http://berliner-liste.org/app/de/gallery/freight-volume

Der große Meister der Literaturkritik, Marcel Reich-Ranicki, ist gestern im Alter von 93 Jahren verstorben. Seine mitunter vernichtenden Buchbesprechungen haben nicht selten zu offener Feindschaft mit den Schreiberlingen geführt.  Die Liebe und der Tod waren die einzigen literarischen Themen, die für ihn 'relevant' waren. Durch seine offenen Wutausbrüche ('Freiwillig hätte ich dieses Buch niemals gelesen')  wurde das 'Literarische Quartett' einst zur Kultsendung. Mit Otto Sander, dem in der vergangenen Woche verstorben Schauspieler, verliert nun die Republik eine weitere wichtige Kultfigur der 80iger und 90iger Jahre.

Helge Achenbach, der Tausendsassa der rheinischen Kunstszene, hat ein Buch geschrieben. 'Der Kunstanstifter', erschienen bei Hatje Cantz (29,80 €) ist auf dem Markt und liefert Interna aus dem Leben des umtriebigen Kunsthändlers. Besonders pikant sind seine Einlassungen zur Drogen- und Sexsucht seines Freundes Jörg Immendorff. Dieser soll seine ALS-Krankheit als Vorwand zur Finanzierung seiner Drogensucht benutzt haben. Für jede Blutwäsche, die ihm angeblich von einer russischen Ärztin besorgt wurde, soll er sich bei Achenbach 25.000 Euro in bar geliehen haben. Tatsächlich wurde das Geld in rauschende Partys investiert. Der ganze Schwindel flog auf, als Immendorff 2003 bei einer seiner Koks- und Nuttenpartys verhaftet wurde.  Beim späteren Prozess wurden die Termine der jeweiligen Sexpartys verlesen; diese deckten sich mit den vermeintlichen Besuchen bei seiner russischen Ärztin. Für den Verkauf des Buches ist diese späte Enthüllung sicherlich förderlich; eine tiefe Freundschaft allerdings erträgt auch ewige Geheimnisse.

Der amerikanische Kaffeebrauer Starbucks bittet seine Kunden neuerdings, die US-Filialen ohne Pistolen zu betreten. 'Die Anwesenheit von Waffen ist für viele Kunden beunruhigend', so ein Sprecher des Konzerns. Für ein generelles Waffenverbot jedoch gibt es keine Entscheidung; es bleibt bei der Empfehlung.

Fußball gab es gestern auch. Die Dortmunder haben ihren Champions League Auftakt gegen Neapel verloren (1:2). Zu Recht. Wegen einer Unbeherrschtheit flogen erst der Trainer vom Platz und kurz darauf der Torhüter. Trotzdem ein aufregendes und kurzweiliges Match. Schalke gewinnt dafür 3:0 gegen Bukarest und kann mit erhobener Brust in die Bundesligabegegnung gegen die Bayern auflaufen. Die eigentliche Sensation allerdings war der 2:1 Sieg des FC Basel gegen Chelsea. 

Behinderten, Gebrechlichen und Schwangeren gehört in unserer Gesellschaft stets der Vortritt; so zumindest vermittelt dies eine gute Kinderstube. Um die Belange dieser Menschen kümmert sich von Amts wegen das Bundesgesundheitsministerium, und man sollte davon ausgehen können, dass der Vorsteher der Behörde diese Spielregeln kennt. Dem Chef der Behörde jedoch, FDP-Minister Daniel Bahr,  darf man keine guten Manieren attestieren. Beim Einsteigen in den Flieger drängelte er gestern auf dem Berliner Flughafen einen Gehbehinderten so massiv beiseite, dass dies sogar seinen Begleitern unangenehm war.  Peinlich; umso mehr in Zeiten des Wahlkampfes.

Am Abend heute werde ich meine lang geplante Asienreise antreten. Davor gibt es noch Einiges zu tun. Morgen dann kommt der Newsletter aus Beijing. Euch wünsche ich eine angenehme 'Art Week' und sende die besten Grüße.