Michael Schultz Daily News Nr. 813

Stockholm, den 19. November 2014

 

im wahrsten Sinne des Wortes erleben wir in dieser Woche einen Ausstellungsmarathon. Den Auftakt macht heute SEO, die in der renommierten Stockholmer Galerie Wetterling die Weiterentwicklung ihrer ˈReisfeldˈ-Serie präsentiert. Am Samstag zeigen wir in unseren Berliner Galerien Stephan Kaluza und Bernd Schwarzer, und am Sonntag eröffnet das Koblenzer Ludwig Museum unter dem Titel ˈDas Gefühl in meinem Innerenˈ eine raumfüllende Installation von SEO. Zeitgleich zeigt das Museum einen Überblick über das aktuelle Schaffen von Andy Denzler. Zu beiden Ausstellungen werden Kataloge aufgelegt.

Fünf Ausstellungen an drei verschiedenen Orten, und das innerhalb von nur fünf Tagen, erfordert eine ausgeklügelte Logistik. Da ist das gesamte Team gefragt, Beweglichkeit und spontane Reiseverschiebungen inbegriffen. Anders ist das nicht zu bewältigen. Die Anreise nach Stockholm musste mehrfach verschoben werden; wir haben es geschafft und bereits gestern Abend an einer angenehmen Vorbesichtigung teilgenommen.

Anläßlich der heute stattfindenden Ausstellungseröffnung von SEO lud die Stockholmer Wetterling Gallery gestern Abend zum Pre-Opening Dinner. Zwei Dutzend ausgewählte Sammler und Museumskuratoren diskutierten anschließend mit der Künstlerin über die Weiterführung ihrer 'Reisfeld'-Serie. Gut gelaunt und sichtlich überrascht vom großen Interesse referierte SEO über ihre eigene Kunst.

 

In ihren Stockholmer Bildern greift SEO auf einen bereits im Jahr 2004 begonnen Werkzyklus zurück. Die damalige ˈReisfeldˈ-Serie wurde bei Thomas von Lintel in New York, in der Hyundai Gallery in Seoul und in der Kunsthalle Mannheim gezeigt. Das Thema hat sie nie wirklich aus dem Kopf verloren, auch wenn sie zwischendurch immer wieder davon gesprochen hatte, dass sie sich daran abgearbeitet hat.

Heute also wird die Weiterführung eröffnet, und in diesen neuen Bildern wurde sowohl die Thematik als auch die Technik verfeinert. Anlässlich der New Yorker Ausstellung schrieb Jeannot Simmen: ˈDie Figuren in dieser Werkserie sind nicht von heute, haben nichts Realistisches, sind keine modernen Werktätigen (...) die Menschen bilden Staffelfiguren inmitten einer allmächtigen Natur. (...) Die Reispflanzenfelder werden zum natürlichen Ort einer Verlangsamung, sie wachsen gleichsam der Hektik entgegen, bringen Entschleunigung. Das Eintauchen in diese Felder legt einen anderen Rhythmus auf, einen der voller Stille und Konzentration ist.'

 

Vielleicht ist Stockholm der richtige Ort für die Premiere dieser Bilder. Die Stadt mit ihrer herrschaftlichen und pompösen Architektur neigt dazu, die Menschen die in ihr leben, zu erdrücken. Sie klein zu machen, und sie den Bauwerken unterzuordnen. Ähnlich der angsteinflößenden Architektur deutscher Gerichtsgebäude, die den Krieg überlebt haben. Die Mächtigkeit des Baukörpers verschlägt den Atem, und das ist beabsichtigt. Bestes Beispiel ist der Eingangsbereich im Berliner Kriminalgericht Moabit. Die Einschüchterung beginnt bereits beim Eintreten.

Ganz Stockholm ist besiedelt von solchen Bauwerken, auch wenn es in ihnen weitaus ziviler zugeht. In den Reisfeldern von SEO ist es die Natur, die den Menschen unterordnet. SEO kehrt um, was in der christlichen Philosophie zur Standardlehre gehört, dort ist es der Mensch dem sich die Natur unterwerfen soll.

In der Weiterführung ihrer Reisfeld Impressionen setzt sie fort, was in ihren globalen Zusammenhangserklärungen immer wieder aufgezeichnet wird: nichts auf dieser Erde gehört noch so zusammen wie es einst von der Natur oder einer übergeordneten Instanz geschaffen wurde. Bei ihren Versuchen, die Welt in ihrer Ursprünglichkeit zu erklären, stößt auch sie immer wieder auf irritierende Hemmnisse. Gut möglich, dass das Reisfeld einer der wenigen unverbrauchten Orte ist, in dem der Mensch ohne Furcht und Erniedrigung und im Gleichklang mit der Natur seine Existenz sichern kann. Aus ihren Bildern jedenfalls wird dies vermittelt. Die Mächtigkeit der Felder ist keine Bedrohung - sie dient zum Schutz der Menschen, die in ihnen leben.