Michael Schultz Daily News Nr. 802

Michael Schultz Daily News Nr. 802

Hongkong, den 4. November 2014

 

manchmal ist es gar nicht so schlecht wenn man auf den Wirtschaftsseiten überregionaler Zeitungen auch mal die weniger aufreißerischen Meldungen liest. 'Aldi senkt den Milchpreis' überschreibt die 'Süddeutsche' heute einen mit einem Kuhkopf bebilderten Artikel. Nach Information des Discounters gingen die Preise deutlich nach unten; sowohl die Süd- als auch die Nordfamilie senkten gestern den Liter Qualitätsvollmilch von 69 Cent auf 59 Cent. Weitere Milchprodukte werden folgen; die Verbraucherpreise für Quark, Joghurt, Käse und Sahne fallen bald ins Bodenlose.

So zumindest sieht es der Deutsche Bauernverband, der den Discountern Verantwortungslosigkeit vorwirft. Das Zurückfallen in die Zeiten der kalten Bauernkriege wird angekündigt, wenn die Molkereien und der Lebensmittelhandel ihre Verhaltensmuster nicht ändern. Und dies würde bedeuten, dass für den Erhalt stabiler Rohmilchpreise Millionen Liter proteinhaltiger Kuhmilch Schweinen verfüttert wird, oder zum Düngen der Futterwiesen verwendet wird. Das haben wir alles schon mal erlebt.

Infolge der Preisstabilsierungsmaßnahmen wird auch der Bestand reduziert, und dies macht sich dann beim Fleischpreis bemerkbar. Auch dieser sinkt. Auf die Verbraucher kommen goldene Zeiten zu; gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit ein willkommener Zuschuss, der sich dann hoffentlich mit einer nie dagewesenen Üppigkeit in der Geschenkeauswahl wiederfindet.  Alles was wir beim Essen sparen, muss anderswo ausgegeben werden; tun wir das nicht, schaden wir der Stabilität unserer Ökonomie. Für schlechte Zeiten zurücklegen nützt nichts, es kostet nur. 

Überhaupt, dieser Sommer scheint als ein Eldorado der Schnäppchenjäger in die Geschichte einzugehen. Der Benzinpreis, einst zuverlässigster Indikator florierendem Wachstums, ist so tief wie seit langem nicht mehr. Nicht mal die Ferien waren Anlass genug, um die Preise saftig in die Höhe zu treiben. Die Reservetanks institutioneller wie privater Verbraucher sind randvoll. In Rotterdam, dort wo die Ölmultis ihr Öl veredeln, sieht es nicht anders aus, und solange das so ist, wird sich der Preisverfall weiter fortsetzen. Wenn die Rohölpreise auf dem Weltmarkt sinken, füllen die Multis ihre Tanks, und wenn diese voll sind und der Erzeugerpreis weiter fällt, bleibt ihnen nichts anders übrig, als ihren Vorteil an die Autofahrer weiterzugeben. 

Früher, als es noch ein stabiles Ölkartell gab, wurde in solchen Situationen der Förderhahn gedrosselt. Heute, wo es einen äußerst attraktiven Schwarzmarkt gibt, nützen solche Maßnahmen nichts - sie werden erst gar nicht in Erwägung gezogen. Doch die angenehme Situation an der Tankstelle verdanken wir den Terrortruppen des Islamischen Staats. Ihre kriegerischen Einsätze verschlingen viel Geld, für ihre Gegner aber auch für sie selbst. Es wird gefördert was das Zeug hält, und was die freie Welt aus hygienischen Gründen offiziell boykottiert, wird ihr hintenherum zu unwiderstehlich günstigen Schwarzmarktpreisen in den Hintern geschoben. 

Nie waren sich die Erzeugerverbände 'roher' Produkte so nah wie heute. Ihre Quellen sprudeln was das Zeug hält, zum Schließen der Ventile ist der Druck zu hoch. Die Märkte für Rohöl und Rohmilch sind kurz vorm Kollabieren. Um den Verbrauch anzukurbeln, kommt der Slogan der Geschwindigkeitsfanatiker 'freie Fahrt für freie Bürger' wieder ins Spiel; mit hohem Speed durch die Auspuffrohre blasen, was der Markt gerade günstig hergibt. Und die Milchbauern müssen sich Wege suchen, wie sie ihre, durch den Russlandboykott geschwächte, Abnahmesituation über schwarze Kanäle ausgleichen. Ausreichend Möglichkeiten sind gegeben: freigewordene Kapazitäten im Tankergeschäft könnten für das weiße Öl genutzt werden. Gut durchspülen die Kähne, und dann mit gefälschten EU-Papieren über Italien und Griechenland ab nach Sewastopol. Wenn sie es geschickt angehen, kassieren die Russen womöglich auch noch europäische Fördermittel, und die Bauern holen sich die Mehrwertsteuer zurück. Sind zwar nur 7%, aber immerhin.

Ja, wenn alles so einfach wäre, wäre es längst geschehen. Die Welt zu verstehen ist momentan wirklich nicht einfach. Vor kurzer Zeit hatten wir in einem Gastbeitrag die apokalyptischen Untergangsvorhersehungen eines Weltökonomen veröffentlicht. Keine Kritik - nur Zuspruch gab es aus der Leserschaft. Doch vieles von dem was gerade so auf dem Markt an abgründigen Analysen angeboten wird ist so heiß, dass es nur mit der Zange angefasst werden darf. 

Discounter und Ölmultis haben augenblicklich keine andere Wahl, als die Preise zu senken. Wenn es wieder opportun ist, und die Zeit kommt bald, holen sie sich zurück, was sie gerade verschenken. Ihr Hunger ist unersättlich und ihre Macht ist unerbittlich. 

Schöne Grüße aus Hong Kong. Zur Feier des Tages wird heute Hummer-Sashimi gereicht. Ein bisschen dekadent, aber es gibt Schlimmeres.