Michael Schultz Daily News Nr. 624

Düsseldorf, den 27. Februar 2014

Liebe Freunde, zwei Jahre nach seinem Rücktritt will das Landgericht in Hannover heute das Urteil im Korruptionsprozess gegen den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff verkünden. Er selbst, aber auch seine Verteidiger, rechnen fest mit einem Freispruch. Alles andere, so sehen es auch die Prozessbeobachter, hätte in der Berufung keinen Bestand. Die Staatsanwaltschaft, die sich im ganzen Verfahren total verrannt hat, will die Fortsetzung und hat in ihrem Plädoyer die Weiterführung der Beweisaufnahme gefordert. In dem Prozess geht es um 700 und ein paar mehr Euro, die der Wulff-Freund David Groenewold für Hotel und Nebenkosten zu einem Oktoberfestbesuch der Familie Wulff spendiert haben soll. Im Gegenzug soll der damalige Bundespräsident einen Brief an den Siemensvorstand geschrieben haben und in ihm um die finanzielle Unterstützung eines Groenewolds-Filmprojekts geworben haben. Der Richter hat im Prozessverlauf bereits angedeutet, dass sich der Verdacht der Bestechlichkeit nicht verdichtet hat, und er den Prozess ohne Folgen für Wulff so schnell wie möglich beenden will. Die Staatsanwaltschaft sucht nach einer Rechtfertigung und reicht immer neue Beweismittel ein. Auch wenn Wulff wie erwartet heute freigesprochen werden wird, so hat doch das ganze Verfahren zu einer nicht wieder gutzumachenden Rufschädigung geführt. In der 'Bild' von gestern wurde der komplette Telefonanruf auf die Mailbox des Chefredakteurs abgedruckt. Dieser hat seinerzeit zum endgültigen Zerwürfnis zwischen 'Bild' und dem Staatsoberhaupt geführt. Warum sich die Presse damals so darüber erzürnte, und dann in Tateinheit mit 'Bild' den Präsidenten zum Sturz brachte, ist auch nach zweimaliger Lektüre nicht nachvollziehbar. Wenn heute das Urteil zu Gunsten von Wulff ausfällt, wäre es eine schöne Geste der 'Versöhnung', wenn die Presseorgane den Freispruch stilvoll und mit ein wenig Schuldeingeständnis würdigen. Die Affäre um Sebastian Edathy hat zwar nun die Union einen Minister gekostet; bei den Wahlumfragen allerdings wird auch die SPD schwer abgestraft. Lt. RTL-Erhebung verliert sie zwei Punkte und kommt derzeit nur noch auf 22 Prozent. Besser steht die CDU/CSU da, sie konnte ihr Ergebnis um einen Punkt auf nunmehr 41% verbessern. Linke und Grüne bekämen jeweils 10 %, wenn am Sonntag Bundestagswahlen wären, und auch die FDP wäre mit genau 5 % wieder im Parlament vertreten. Auf dem 'Maidan' beginnt das Säbelrasseln um die Positionen einer Übergangsregierung. Die Posten werden vom 'Maidan-Rat' an verdiente Revolutionäre verteilt. Bisher wurden weder Vitali Klitschko noch seine 'Udar-Partei' berücksichtigt; für ihn ist der Rückhalt in der Ukraine weniger stark, als dies die deutschen Medien in den vergangen Wochen zu vermitteln versuchten. Viktor Janukowitsch soll sich auf der Krim aufhalten und dort womöglich von russischen Elitesoldaten geschützt werden. Die Fußballberichterstattung in diesem Newsletter polarisiert, und das darf sie auch. Gestern Abend lieferte die Begegnung zwischen Schalke 04 und Real Madrid den Beweis, dass auch Fußball viel mit Kunst zu tun hat. Die Schalker hatten das Match mit 1:6 verloren und jeder einigermaßen objektive Beobachter kam zu dem Schluss, dass so, wie die Königlichen gestern ihr Spiel organsiert haben, dies keine andere Mannschaft der Welt beherrscht. Das ist wahre Kunst. Auch hat das Spiel gezeigt, dass die Entscheidung, Cristiano Ronaldo zum 'Weltfußballer des Jahres' zu wählen, das einzig Richtige war. Im Vergleich zu Franck Ribéry liegen zwischen den beiden Welten. Auch wenn die Schalker tief zu Boden gehen mussten, war das Spiel das Beste aus der laufenden Champions League-Serie. In Düsseldorf würdigt das Stadtmuseum den dort ansässigen Fußballverein Fortuna Düsseldorf mit einer Sonderausstellung. Unter dem Titel 'Fortuna: 100 Ligajahre' wird anhand von biografischen und sportlichen Ereignissen die Geschichte des Traditionsvereins aufgezeichnet. Gerade in Düsseldorf sind die Berührungspunkte zwischen der Kunst und dem Ballspiel recht intensiv: lange Zeit war der umtriebige Kunstvermittler Helge Achenbach Vereinspräsident und die Toten Hosen haben mit 'An Tagen wie diesen' die Vereinshymne geschrieben. Mich zieht es heute zu Stephan Kaluza in sein Düsseldorfer Atelier. Besuche bei Kollegen sind ebenso angesagt. Am Abend wird in Berlin die Ausstellung von Maik Wolf gehängt. Eröffnung am Samstag um 19 Uhr. Bitte vormerken.
Mehr dazu in den Daily News von morgen.
Bis dahin mit besten Grüßen Michael