Michael Schultz Daily News Nr. 557

Berlin, den 12. November 2013

Liebe Freunde,

immer wieder und unermüdlich hat Joseph Beuys in seiner Philosophie den Alltag als Gesamtkunstwerk proklamiert. Unvergesslich bleibt seine Aktion, in der er das Schälen von Kartoffeln mit der Produktion eines Kunstwerks gleichstellte. Durch Beuys erst wurde der erweiterte Kunstbegriff etabliert. In unzähligen Performances und Aktionen lieferte er den Nachweis. Die Kultur ist in unserem Leben allgegenwärtig; im Privaten, im Gesellschaftlichen und in der Wirtschaft. Mittlerweile gehört Unternehmenskultur in unserem Land zum festen Bestandteil großer und kleinerer Firmen. Man fördert und unterstützt Bereiche der Musik, der Literatur, des Theaters und der Bildenden Kunst. Doch das ist nicht alles; viele Unternehmen engagieren sich in gesellschaftlichen und sozialen Belangen, sie kümmern sich um die Versorgung Alter und Gebrechlicher gleichermaßen wie um gute Bildung für die Jüngeren. Wichtige und gesellschaftsrelevante Forschungsprojekte finden ihre Finanziers ebenso in der Wirtschaft. Ohne das wissenschaftliche, kulturelle und soziale Engagement großer Unternehmen wäre unsere Gesellschaft um ein Vielfaches ärmer.
Doch Kultur, und auch das ist im Werk von Joseph Beuys nachzulesen, ist weit mehr als nur der Alltag. Kultur ist der wichtigste Baustein unserer Gemeinschaft. In ihr bündeln sich Gerechtigkeit und Moral; aus ihr entstehen Gesetze und Verhaltensregeln. Aus der Kultur des Miteinanders haben sich, besonders und gerade deshalb, viele Unternehmen ihre spezifischen Regeln geschaffen, in denen festgelegte Verhaltensmuster niedergeschrieben sind.
Interdependenz benennt die Sozialpsychologie diese wechselseitige Abhängigkeit, in der durch Verhalten Einfluss auf den jeweiligen Anderen genommen wird. Im Staat, in der Bevölkerung, im Unternehmen, in der Familie und zwischen Mann und Frau. Nicht immer geht es nur um Macht und Anerkennung; es geht um Vorbildfunktion und Gerechtigkeit. Es geht aber auch um Ethik und Moral.
Aus diesen, und nur aus diesen Gründen, hat sich der Berufsverband der Deutschen Aufsichtsräte nun in die Steueraffäre um den Bayern München Präsidenten Uli Hoeneß eingeschaltet. Der Verband ist der Ansicht, dass Hoeneß schnellstens seine Ämter niederlegen soll. Mit seinem Millionenbetrug habe er gegen die Grundsätze der Arbeitsethik verstoßen und damit seine Vorbildfunktion sträflich verletzt.
Gestern wurde bekannt, dass ein weiterer Bayernboss, nämlich der Aufsichtsratsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge, mit einem rechtskräftigen Strafbefehl in Höhe von 249.000 Euro verurteilt wurde. Im Februar hatte er am Münchener Flughafen versucht, zwei wertvolle Armbanduhren am Zoll vorbeizuschleusen. Die Strafe wurde bereits an die Staatskasse überwiesen, und damit ist Rummenigge ein rechtskräftig vorbestrafter Aufsichtsratschef. Sicherlich ein einmaliger Vorgang in der deutschen Unternehmenskultur.
Das Problem der Bayernbosse ist nicht so sehr ihr strafrelevantes Verhalten. Das Glashaus und der berühmte Stein, eigentlich, könnten die Diskussion darüber im Keim ersticken. Das Problem liegt in ihrer Vorbildfunktion und ihrem Starrsinn. Eine deutliche, öffentliche und entschuldigende Erklärung würde einen Großteil an Verachtung abfedern. Ihre Untaten nun aber als Privatsache abzutun und sich die öffentliche Beschäftigung damit zu verbieten, das genau ist der falscheste weg. Kultur ist auch eine Frage des Verzeihens. Nur möglich machen muss man sie.
In diesem Sinne verabschiede ich mich für heute. Nicht der Sport steht im Mittelpunkt; es geht um Kultur. Immer.

Bis morgen.

Michael