Michael Schultz Daily News N.574

Miami, den 5. Dezember 2013

Liebe Freunde,

am Tag 1 nach der Messeeröffnung kommt in der Regel die Ernüchterung. Die Besucher bleiben fern und die leeren Messehallen gleichen Geisterhäusern. Die Aussteller langweilen sich, halten sich mit Ratespielen über Wasser; viele von ihnen nehmen ihren freien Tag. Für diejenigen, die jahrelang dabei sind, nichts Überraschendes; die Neulinge jedoch sind verunsichert.  Man freut sich über jeden sozialen Kontakt und die Qualität der Unterredungen ist an solchen Tagen besonders gut. Für die Feinschmecker unter den Kunstliebhabern sind diese Tage ein wahrhafter Hochgenuss: freie Sicht auf die Ausstellungsstücke und auskunftswillige Galeristen.

Zur Kontaktaufnahme nutzen auch viele Künstler den Tag nach der Vernissage. An diesem freuen sich die Aussteller über jeden Besuch. Anthony Liggins lebt in Miami Beach und sieht sich mit seinem abstrakten Expressionismus in der direkten Erbfolge von Jackson Pollock. Ein anregender Gast, der für wenige Minuten Kurzweil sorgte.  

 

Bei mehr als 20 Satellitenveranstaltungen ist die Koordination der Vernissagen eine organisatorische Meisterleistung.  Im Zentrum steht die Eröffnung der Hauptmesse und an den Tagen drumherum streiten sich die Mitveranstalter um die besten Termine. Heute öffnen mit der 'PULSE', der 'Scope' und der 'NADA' drei der wichtigsten Nebenveranstaltungen; zur Bewältigung der Tortur werden Shuttlebusse eingesetzt. 

Aus dem Blickwinkel von Edward Hopper: kaum frequentiert war der Eingang zur 'Art Basel Miami' während der Pre-Preview. Zugang gab es nur für wenige, dafür aber besonders zahlungskräftige Besucher.

 

Natürlich gehört der Rundgang über die 'Art Basel' zur Pflichtübung. An der Häufigkeit der Präsentation bestimmter Künstler wird der saisonale Trend abgelesen. In diesem Jahr wird auffallend viel von Georg Baselitz, Sol LeWitt und Yayoi Kusama gezeigt; aber auch die Altmeister wie John Chamberlain und Robert Rauschenberg sind häufig und gut vertreten. Von Gerhard Richter hingegen sieht man im Vergleich recht wenig; der Markt scheint leergefegt. Ein unübersehbarer Hinweis auf eine gewaltige Preisexplosion.

Wer junge Kunst sehen will, ist auf den Nebenmessen deutlich besser aufgehoben. Die 'Art Miami' bietet einen guten Mix aus beidem; unübersehbar auch dort die Präsenz der saisonalen Stars. Vergleichsweise jedoch mehr Malerei; Altbewährtes von Helen Frankenthaler, Ed Ruscha und Wayne Thiebaud etwa, aber auch viel Zeitgenössisches. Besonders beliebt bei den Amerikanern ist die Kunst von Andy Denzler. Aber nicht nur dort - sein Messeauftritt wurde vom italienischen Lifestyle Magazin 'Rough Italia' ausführlich gewürdigt.

http://www.roughitalia.com/article/562-art-miami-and-rough-fetish-artist-andy-denzler

Tagtäglich erschüttern Erkenntnisse aus dem Inneren der NSA.  Jetzt wurde bekannt, dass der US-Geheimdienst systematisch die Standortinformationen von mehreren 100 Millionen Handys sammelt. Laut einem Bericht der 'Washington Post' werden so Tag für Tag 5 Milliarden Datensätze gespeichert. Aus ihnen können nach Bedarf die Bewegungsprofile von Millionen Mobiltelefonen erstellt werden. Uns bleibt keine andere Wahl - wir müssen uns damit abfinden.

Chefs, die mit ihren Mitarbeitern nicht mehr zurechtkommen, empfehlen Experten den Besuch in einem Streichelzoo. Dort können sie ihre Führungsqualität im Umgang mit Tieren erproben. Besonderes Augenmerk wird dabei der Domestizierung des Esels beigemessen: seine Halsstarrigkeit und Eigenwilligkeit kommt der des Menschen sehr nahe. Wer das Eselcoaching erfolgreich besteht, gibt auch im Büro eine gute Figur ab. 

Während hier in Florida von einem Traumwetter gesprochen werden muss, fegt über Deutschland heute der Orkan 'Xaver' hinweg. Für die Küstenregionen rechnen die Meteorologen mit einer Sturmflut, aber auch im Süden wird schweres Wetter erwartet. Am Nachmittag soll der Orkan mit Windgeschwindigkeiten bis zu 180 km/h seinen Höhepunkt erreichen; mit ihm kommt sintflutartiger Regen, der am Abend flächendeckend in Schnee übergeht. Es wird ungemütlich und gefährlich glatt.

Uns bleibt der Gruß aus der Sonne. Ein wahrlich warmer.

Bis morgen.

Michael