Michal Schultz Daily News Nr.315

Istanbul, den 22. November 2012

Liebe Künstler,

die Eröffnung der 'Contemporary Istanbul' war ein ansehnliches Stelldichein der Reichen und Schönen. Niemals zuvor habe ich auf einer Messeeröffnung so viel Extravaganz, Schönheit und Wohlstand erlebt. Gut situiert, mitunter auch ein wenig prollig, und genau diese Mischung macht's aus. Man hat's und zeigt's. Das war schon beeindruckend.
Viele gute Sammler kamen zu uns und haben leise Freude zum Ausdruck gebracht, dass wir als deutsche Galerie den Weg nach Istanbul gefunden haben. Normalerweise ist der Gang andersrum: Die Türken kommen zu uns und nicht umgekehrt. Mit unserem Erscheinen stärken wir das Selbstbewusstsein der Türken; verdient haben sie es allemal. Es sind nur noch einige wenige andere Kollegen aus Deutschland mit dabei, die aber im internationalen Kunstgeschehen keine bedeutende Rolle spielen.
Auffällig am Publikumsmix ist, dass von den Mitgliedern des um die Welt jettenden 'Messezirkus' in Istanbul keiner zu sehen war. Das sind die Laberer, die für einen Freiflug oder eine Hotelsuite ihr Gesicht zeigen, schlau reden, alles wissen und selten was gekauft haben. Davon waren wir befreit und konnten uns auf die neuen Gesichter konzentrieren.
Das Interesse an unserem Programm ist spürbar. Die ersten roten Punkte sind gesetzt und wir hoffen natürlich, dass sich der gute Anfang in den kommenden Tagen fortsetzen wird. Fotos zum Stand sind dieser Mail beigefügt.
Heute regnet es und tiefer Nebel liegt über der Stadt. Die Geräusche sind geblieben und helfen zur Orientierung. Istanbul ist wie ein moderner Traum aus 'Tausend und einer Nacht'. Man begegnet hier Menschen aus allen Winkeln des Orient, aus Syrien, dem Libanon, Libyen und Ägypten. Sie leben und arbeiten hier und vermischen das Treiben zwischen Orient und Okzident mit den kulturellen Facetten ihrer arabischen Herkunft. Über allem wacht der Muezzin und das ist gut so.
Der Waffenstillstand zwischen den Palästinensern und Israel entspannt die Situation im Land. Für die Fernsehsender ist dies im Augenblick ein Dauerthema. Die Angst vor der Eskalation ist groß und die Türken sind sich ihrer strategischen Rolle als Bollwerk zum Abendland sehr bewusst. Zur Grenze nach Syrien hin soll im Dezember ein von der NATO zur Verfügung gestelltes Raketenabwehrsystem (Patriot) installiert werden. Ein deutliches Zeichen, dass man hier davon ausgeht, dass aus dem Bürgerkrieg im Nachbarland ein Krieg der Nationen werden wird. Ein schwer kalkulierbares Szenario.
Bei aller Lebensqualität die Istanbul bietet, ist die Bedrohung sichtbar. Die Autos vor den Hotels werden kontrolliert und die Menschen beim Eintreten gescannt. Es gehört zum Alltag. Ähnlich wie in Tel Aviv. Leider.
Die Türken wollen Frieden und wollen nach Europa. Hoffentlich schaffen sie es.

In diesem Sinne grüße ich und sende die besten Wünsche.

Michael