Michael Schultz Daily News Nr. 897

Michael Schultz Daily News Nr. 897

Tirana, den 24. März 2015

Edi Rama, der albanische Ministerpräsident, ist geworden was er heute ist, weil er im wahrsten Sinne des Wortes als freischaffender Künstler der Hauptstadt seines Landes einen neuen Anstrich verpasst hat. In einer einzigartigen Kunstaktion begann er Ende der 90er Jahre  mit der kunstvollen Bemalung der Altstadtfassaden. Die Farben dazu hatte er vorwiegend im Ausland zusammengeschnorrt;  unter Fachleuten fand das Projekt allerhöchste Anerkennung. Mit ein Grund, warum er später zum Bürgermeister der albanischen Hauptstadt gewählt wurde, und in Folge dessen zum Ministerpräsidenten seines Landes.

 


Eindrucksvoller Blick auf die von Edi Rama künstlerisch gestaltete Altstadt von Tirana. Foto: David Dufresne/Flickr.

Am 25. April diesen Jahres werden wir seine künstlerische Tätigkeit, die er unbeirrt auch neben seiner politischen weiter betreibt, in einer Einzelausstellung dokumentieren. Zur Auswahl der Werke, aber auch zu weiteren Besuchen albanischer Künstler, trieb es mich heute zu einem Kurztrip nach Tirana.

Wissenswertes über die aktuelle Situation für Kunstschaffende vermittelt auf seiner Webseite das Auswärtige Amt. Die dort genannten Informationen bilden den Leitfaden des heutigen Newsletters.

Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems und 40 Jahren nahezu vollständiger Isolation war der Nachholbedarf Albaniens im kulturellen Bereich besonders groß. Das kulturelle Angebot ist in den letzten Jahren rasant gewachsen, ist aber nach wie vor stark auf private Initiativen und Sponsoring sowie internationale Förderung angewiesen.

Regelmäßige  Kulturveranstaltungen gibt es hauptsächlich in  Tirana. Hier befinden sich eine zunehmend bespielte Oper, mehrere Theater, ein Puppentheater, Museen, mehrere Konzertsäle, eine Kunstakademie, die private (auch von Deutschland geförderte) Filmhochschule Marubi und mehrere Kinos. Allgemein sind Zustand und Ausstattung der Einrichtungen nicht nur in der Provinz, sondern auch in Tirana, verbesserungsfähig. So fehlt es etwa in Theatern häufig an professioneller Beleuchtung/Technik oder in Museen schlicht und einfach an ausreichender oder auch englischsprachiger Beschilderung, so dass der Besuch etwa für Touristen ein wenig beschwerlich ist. Allgemein wird die Präsentation des durchaus reichen kulturellen Erbes des Landes als ausbaufähig beschrieben.

Die Kulturszene leidet ein wenig unter der Abwanderung vieler bekannter Künstler, Musiker und Intellektueller, wobei nicht zuletzt auch die niedrigen öffentlichen Gehälter und berufliche Perspektiven den Drang zur Auswanderung begünstigen. In den vergangenen Jahren ist jedoch verstärkt die Tendenz erkennbar, sich in Verbindung mit Auslandsaufenthalten und externer Förderung einen Wirkungskreis zu Hause in Albanien aufzubauen. So konnte - vor allem in Tirana - ein verhältnismäßig reges Kulturleben entstehen, was vor allem auf das erhebliche persönliche Engagement einiger Akteure, die große Neugier der albanischen Bevölkerung gegenüber jeglichen Kulturangeboten sowie ausländische Unterstützung in unterschiedlichster Form zurückzuführen ist.

Eine Förderung albanischer Kultur im Ausland durch albanische Institutionen gibt es bisher nur in Ansätzen. Jüngst gibt es aber vermehrt Initiativen gut vernetzter albanischer Künstler, die Präsenz albanischer Kultur im Ausland zu verstärken. Wohlwollend unterstützt wird dieses Anliegen von der seit 2013 im Amt befindlichen - und nicht nur in Person von Premierminister Edi Rama - kulturaffinen Regierung.

Der kulturelle Austausch zwischen beiden Ländern findet bisher in der Mehrheit durch Auftritte deutscher Kulturschaffender in Albanien statt, z.B. im Rahmen des von der Deutschen Botschaft in Tirana koordinierten jährlichen "Deutschen Oktobers". Der Schwerpunkt bei diesen Deutschlandwochen in Albanien liegt auf Projekten, die den Austausch und die Netzwerkbildung fördern - etwa durch Workshops für Studenten oder Nachwuchskünstler, die längerfristige Wirkungen in der albanischen Kulturszene entfalten können.

Albanien, das bis 1990 vom Rest der Welt und ganz besonders vom kulturellen Geschehen der westlichen Welt abgeschnitten war, bemüht sich nun im Schnelldurchlauf all das aufzuholen, was es im 20. Jahrhundert versäumt hat.  Der Direktor der Nationalen Galerie für zeitgenössische Kunst, Rubens Shima, beschreibt die Situation wie folgt: 'Die Moderne hat Albanien noch nicht erfasst. Und das, was hier unter Moderne verstanden wird, äußert sich in kubistischen Landschaften!' Dass es aber auch anders geht, zeigen einige Beispiele von albanischen Künstlerinnen und Künstlern, die den Absprung nach Mitteleuropa geschafft haben. Und doch sind jene, die im Land künstlerisch tätig sind mit einer schwierigen, wirtschaftlichen Situation konfrontiert. Der Publikumsgeschmack, der über Jahrzehnte am kommunistischen Realismus geschult wurde, lässt sich nicht von heute auf morgen von den Entwicklungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu überzeugen.  Albanien liebt seine traditionellen Maler, an andere zeitgenössische künstlerische Ausdrucksformen muss es sich erst gewöhnen.

Eine neue junge Generation von Künstlern steht bereit, ohne die die  Bildung einer aufgeschlosseneren Gesellschaft in Albanien nur schwerlich gelingt. Ganz vorneweg Edi Rama, der Präsident, der mit Nachdruck und mit Hilfe der Kunst den Weg nach Europa für sein Land ebnet.

 

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