Michael Schultz Daily News Nr. 896

Michael Schultz Daily News Nr. 896

Berlin, den 23. März 2015

wenn der FC Bayern gegen vermeintlich starke Gegner gewinnt, kommt mein Handy nicht zur Ruhe. Der Freude über den Sieg folgt tiefste Verachtung über den 'Klassenfeind'. Ausgelassen und voller Schmach werden sämtliche Netzmöglichkeiten genutzt, um die Nichtanhänger der Münchener Mannschaft mit Schmach zu übergießen. Man steckt das mit Lässigkeit weg, denn alles andere als ein Bayern Sieg ist derzeit ohnehin kaum zu erwarten.
Gestern aber war es mal wieder soweit: Im Topspiel der Bundesliga verloren die Bayern gegen Borussia Mönchengladbach mit 0:2. Und das zu Hause. In einer taktischen Meisterleistung überließen die Gladbacher der Guardiola Truppe das Spiel; verteidigten mit zwei Vierer-Ketten und stichelten nach vorne, sobald sich eine Möglichkeit ergab. Davon gab es zwar recht wenig, doch diese nutzen sie eiskalt und verpassten den Bayern die erste Heimniederlage seit rund einem Jahr.
Es war kein Fußballkrimi; nein das war es wahrlich nicht. Nur das Ergebnis und die Entzauberung der Übermacht sorgten für Unruhe unter den Anhängern. Den Freunden einer ausgeglichenen Liga hingegen wurde die Nachtruhe versüßt; viele von ihnen verzichteten auf den blutrünstigen Tatort und gingen glücklich und zufrieden, und früher als sonst, ins Bett.
So gesehen vermachte die Bayern Niederlage dem sonst so Fußball gestressten deutschen Fußball Volk (zumindest der einen Hälfte) einen angenehmen Sonntagabend mit Freude und Entspannung. Die andere Hälfte nahm es wohl mit Anstand hin: keine sms, keine e-Mail, nichts über what‘s app. Keine Tränen im Netz; sie können wohl auch verlieren, und schon menschelt es wieder im Süden. Wenn sie gewinnen, tun sie dies mit Anstand nicht. Und genau das unterscheidet sie vom Rest der Liga. Zum nächsten Spiel müssen sie nach Dortmund; an meinem Handy werde ich den Spielverlauf ablesen können.
Heute kommt auf Einladung der Kanzlerin der griechische Ministerpräsident Tsipras zum Antrittsbesuch nach Berlin. Nicht nur die Zukunft Griechenlands steht auf dem Spiel, es geht auch um die Rechtschaffenheit der Bundesrepublik Deutschland als Nachfolgestaat des Hitler Regimes. Die Griechen wollen Entschädigung für eine von den Nazis auferlegte Zwangsanleihe in Höhe von umgerechnet 11 Milliarden Euro. Darüber wird heftig gestritten; die Bundesregierung lehnt dieses ab, weil ihrer Meinung nach alles an Reparationen und Entschädigungen aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges abschließend geleistet wurde.
Die Griechen wollen diesen Moralhebel nutzen, um bei Angela Merkel Zustimmung für Erleichterungen bei der Sanierung des griechischen Staatshaushaltes zu bewirken. Wegen nicht eingehaltener Auflagen werden derzeit 7.2 Milliarden Euro zurückgehalten; doch auch wenn diese fließen sollten, ist der Finanzbedarf der Griechen bei weitem noch nicht gestillt. Wie hoch die Summe genau ist, darüber wird viel spekuliert. Für die Griechen wird es immer enger; entweder sie bekommen die mittelfristig notwendigen Finanzspritzen und die gewünschten Erleichterungen bei der Tilgung, oder sie müssen den Weg zurück zur Drachme antreten. Was das für Europa bedeutet, auch darüber wird viel spekuliert.
Außerhalb der Verhandlungstische wurden viele handwerkliche Fehler begangen. Besonders von der diplomatisch noch nicht so erfahrenen und frisch ins Amt gewählten jungen, griechischen Regierung. Kaum erfüllbare Forderungen wurden vor den Treffen in Paris und Brüssel lauthals verkündet, und aus den vertraulichen Gesprächen wurden sensible Details an die Öffentlichkeit gegeben. Europa reagierte darauf öffentlich und mit Härte. Augenblicklich sind die Positionen betoniert, es kommt jetzt wirklich darauf an, mit der Politik der leisen Töne zu beginnen, und die Kuh vom Eis zu holen - sofern man das überhaupt wünscht.
Es ist nicht auszuschließen, dass die europäische Diplomatie die Griechen ins Leere laufen läßt, indem sie in einem langen Verhandlungsmarathon am Ende das verkünden, was lange schon beschlossene Sache ist: Griechenland muss die EU verlassen. Die Geheimen unter den Diplomaten haben ein solches Szenario längst entwickelt. Die Blaupausen liegen in den Schubladen, man wartet auf das Go. Dass Griechenland jemals seine Schulden zurückzahlen kann, das glaubt man nicht mal mehr im Kanzleramt. Ein schneller Cut würde zukünftig weniger Geld verbrennen, würde aber auch bedeuten, dass die Süd-Ost Flanke Europas ungeschützt und leichter verwundbar den Hegemoniebestrebungen der ISIS gegenüber stünde. Ohnehin klafft dort ein großes Loch; zwischen Österreich und Griechenland ist Europa nicht existent, und das obwohl diese Länder geografisch und kulturell uns weitaus näher stehen als die begehrenswerte Ukraine.
Vieles in Europa ist im Argen. Ein Hoffnungsschimmer aus dem die Griechen ihre Zuversicht für neue Hilfsgelder erhoffen.

Heute kommen die Dailies etwas verspätet; die Technik spinnt mal wieder.
Beste Grüße.

Michael