Michael Schultz Daily News Nr. 895

Michael Schultz Daily News Nr. 895

Berlin, den 20. März 2015

heute also endlich wird die schwarze Sonne sichtbar: zwischen 9.37 Uhr und 11.55 Uhr verdunkelt sie sich, weil der Schatten des Mondes über die Erde läuft. Dies tut er zwar an jeden Neumond auch, weil aber die Umlaufbahn der Erde um die Sonne nicht genau auf der gleichen Ebene liegt wie die Umlaufbahn des Mondes um die Erde, ist das Spektakel nur alle anderthalb Jahre möglich. Eine Sonnenfinsternis in dem Ausmaß wie sie heute zu sehen sein wird, soll laut Experten erst wieder in 66 Jahren vorkommen. 

In der Astronomie unterscheidet man die unterschiedlichen Arten von Sonnenverdunkelungen wie folgt: neben der 'totalen' Finsternis, so wie sie heute in der Antarktis sichtbar sein wird, gibt es auch eine sogenannte 'partielle' bei der die Sonne nur teilweise verdeckt wird. Bei uns sollen heute bis 83 Prozent der Sonne verdunkelt werden; dieser Grad wird gegen 10.45 Uhr eintreten. Weil der Mond nicht immer in der gleichen Entfernung zur Erde steht, ist auch eine 'ringförmige' Eklipse möglich; dann steht der Mond genau über der Sonne, kann sie aber in der Totale nicht gesamt verdecken. 

Wenn der Mond die Sonne vollständig verdeckt, sinkt in seinem Schatten die Lufttemperatur um einiges. Die nur kurz anhaltende Verdunkelung beeinflusst das Verhalten vieler Lebewesen und der Natur: Vögel verstummen mit ihrem Gezwitscher und kehren oft in ihre Nester zurück. Manche Blumen schließen sogar ihre Blüten. Ihr Tag-Nacht-Rhythmus wird gestört, und so verharren sie kurzfristig in ihrer Ruhe - bzw. Schlafposition. 

Wer das Spektakel heute mit ansehen will, sollte die Augen mit einer Schutzbrille versehen. Sollte diese nicht zur Hand sein, dann bitte nur einen kurzen Blick mit fast verschlossenen Augen wagen; ein ganz kurzer Blick mit Schlitzaugen, so der Wetterexperte heute Morgen im Frühstücksfernsehen, schadet wohl nicht. Aber Vorsicht bitte.

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Morgen Abend eröffnen wir unser neues Ausstellungsdoppel: in der Hauptgalerie zeigen wir Videoarbeiten des türkischen Mediakünstlers Erdal Inci, und in der contemporary Galerie Wandobjekte von Iryna Pryval.

Die Objekte der aus der Ukraine stammenden Künstlerin verwirren die Sinne. Die  Wandskulpturen spielen mit alltäglich vertrauten Wahrnehmungsmustern von weich-hart oder glatt-rau und führen diese ad absurdum. Iryna Pryval nimmt damit beide Perspektiven der Bildhauerei und der Malerei gleichzeitig auf, um Material und Farbe gegeneinander auszureizen.

In ihren durch den industriellen Prozess der Formbeflockung optisch weichen Oberflächen zitiert sie in aktueller Weise vergangene Kunstbewegungen zwischen Pop-Art und Hyperrealismus. Das Verfahren des nahtlosen Überzugs mit textiler Struktur aus unzähligen Fasern beschäftigt sie schon seit längerem; jetzt, seit kurzem untersucht sie auch die Wirkung von speziell oszillierenden Autolacken als Überzug ihrer Kunstobjekte. Lichtbrechung auf Oberflächen und Kanten stellt sie radikal infrage und beruft sich jedoch auch auf barocke Faltenwürfe und deren Abbildung in klassischer Malerei. Sie erforscht zusammenhängende Gültigkeit von Form, nach Verbindung von Licht und Schatten und darüber hinaus nach sinngebender Bedeutung des Materials. Die ästhetische Überhöhung des Banalen bildet die künstlerische Grundlage dafür.

Iryna Pryval wurde 1987 in Kiew geboren, studierte in der Münchner Bildhauerklasse von Olaf Metzel und ist seit 2012 Meisterschülerin des Nürnberger Akademiedirektors Ottmar Hörl.

Der türkische Künstler und Fotograf Erdal Inci legt seinen Videoarbeiten das Prinzip des künstlerischen Ornaments zugrunde: die Fortsetzung eines graphischen Elements mittels geklonter Bewegungen zu einem unendlichen Ganzen und schafft so eine Verbindung von globaler zeitgenössischer Medienkultur mit der künstlerischen Tradition seines Landes. Er fügt die Einzelbilder seiner Videoaufnahmen zu Bewegungsabläufen innerhalb eines einzelnen Bildvierecks zusammen. Diese Beschränkung auf ein statisches Viereck muss man vor dem Hintergrund seines Studiums der Malerei sehen: 'Ich benutze das Bildrechteck wie ein Maler seine Leinwand'. Mittels einer digital generierten Zeitschleife bewegen sich die Protagonisten in den Videos in unendlicher Wiederholung. Oft verwendet Inci Bilder von sich selbst in banalen Situationen und verwandelt einfache Schnappschüsse in hinreißende Videoloops, deren Muster der Betrachter zu entschlüsseln versucht. 'Mir ist aufgefallen, dass man eine Bewegung bis ins Unendliche duplizieren kann. So kann man alle einzelnen Zeitfenster derselben Performance sichtbar machen. Das gibt einem wiederum die Gelegenheit wie ein Maler oder Choreograph zu denken und eine Masse zu formen. Dabei füllt man den Rahmen nicht mit Formen oder Farben sondern mit Bewegung. '

Beide Ausstellungen werden morgen zwischen 19 und 21 Uhr eröffnet. Ebenfalls morgen wird die Gegenüberstellung zwischen den großformatigen Tuschzeichnungen von Malgosia Jankowska und den Skulpturen von Herbert Mehler im münsterländischen Kunstverein zu Coesfeld eröffnet (siehe Abbildung); im niederländischen Den Haag, bei Livingstone, sind ab Sonntag Gouachen und Leinwandarbeiten von Cornelia Schleime zu sehen. 

Wünsche ein an- und aufregendes Wochenende, sowie einen angenehmen Frühlingsanfang.