Michael Schultz Daily News Nr. 894

Michael Schultz Daily News Nr. 894

Frankfurt, den 19. März 2015

zurück in der Heimat höre, lese und sehe ich Schreckliches: im Umfeld der Eröffnung der neuen Zentrale der EZB (Europäische Zentralbank) in Frankfurt haben gestern Chaoten aus ganz Europa die Mainmetropole in ein entsetzliches Chaos gestürzt. Straßensperren wurden errichtet, Autos in Brand gesteckt, über 200 Verletzte, darunter viele Polizisten - die Politik ist entsetzt. Ein bisschen hat man schon mit Tohuwabohu  gerechnet, aber nicht mit diesem Ausmaß. Wie hoch der materielle Schaden ist, wird in den kommenden Tagen sichtbar; das in aller Welt hoch angesehene Image unserer Heimat allerdings hat schon jetzt einen deutlichen Knacks bekommen. Die Ohnmacht der Polizei ist es, was die Welt so irritiert. Doch in einigen Tagen wird alles wieder vergessen sein, und dann zeigen wir wieder mit dem Zeigefinger auf unsere Nachbarn.

Wie bereits Anfang dieser Woche berichtet, so wurden die Dailys in den vergangen Tagen mit heißer Nadel gestrickt. Grund dafür waren die nicht funktionierenden Internetsysteme in China. Warum das so war, konnte nicht wirklich in Erfahrung gebracht werden; vermutet wurde, dass der am Sonntag zu Ende gegangene große Volkskongress die Ursache gewesen sein muss. Ohnehin ist der Zugang zum Internet und vielen weltweit agierenden sogenannten sozialen Netzwerken in China nicht, oder nur eingeschränkt möglich.

Die chinesische Regierung, im Besonderen die allgegenwärtige und allmächtige Kommunistische Partei, versucht mit diesen minimalen aber dennoch deutlich spürbaren Einschränkungen das Land vor Aufruhr und Protest zu bewahren. Die Alten im Land ficht das nicht, und die Jungen nehmen es ohne großen Widerstand hin. Ohnehin scheint augenblicklich Ruhe im Land zu herrschen. Ai Weiwei mit seinen öffentlichkeitswirksamen, provokativen Hinweisen auf offene und versteckte Missstände wurde kaltgestellt. In China redet kaum noch jemand über ihn.

Das Verhältnis zwischen Künstler und Staat ist dabei sich wieder zu normalisieren. Die Parteizensoren halten sich spürbar zurück, und die Künstler sind auf dem besten Weg, ihre alte Freiheit zurückzuerobern. Der gesellschaftliche Umbruch ist voll im Gange. So wie es aussieht, funktioniert der Spagat zwischen Turbokapitalismus und maoistischer Gleichheitslehre. Nicht nur die Parteibonzen erscheinen zu den KP-Versammlungen mit PS-starken Gefährten (bevorzugt der Marke Audi), auch das einfache Volk bevorzugt stark motorisierte Autos, mit denen sie die maoistischen Bibelstunden besuchen. Porsche, Mercedes, Ferrari, Maserati, Aston Martin - bunt und schnell, so sieht das neue China aus.

Der große Profiteur an Chinas Wirtschaftsmacht ist ohnehin die westliche Automobilindustrie. Ohne die nicht zu bremsende Nachfrage sähe so manche Konzernbilanz in deren Heimatländern bei weitem nicht so gut aus. 

Die Bekämpfung der Korruption war das zentrale Thema auf dem Volkskongress. Doch wenn dies in China wirklich ernsthaft angegangen wird, ist vorherzusehen, dass das gesamte Gefüge aus Günstlingswirtschaft und Parteikorruption zusammenbricht.  In der Folge würden wichtige Funktionen im Staat zusammenbrechen. Den Korrupten den Kampf anzukündigen, bedeutet in aller Konsequenz die KP als Staatspartei zu eliminieren; und das will ja keiner. Es werden einige wenige gehängt. Das beruhigt das Volk und klärt die Machtstrukturen. Alleine darauf kommt es in der Partei an.

China zu verstehen, ist nicht erlernbar. Das können noch nicht mal die Chinesen selbst. China nimmt man hin - oder man meidet es. Wer letzteres bevorzugt, verzichtet ohne Not auf eine einmalige Chance, dem eigenen Horizont eine unendliche Weite zu verleihen.

Wenn das, was gestern in Frankfurt geschah, in China vorgekommen wäre, wäre der Aufschrei deutlich hörbarer. Schnell würde man von Menschenrechtsverletzungen in großem Ausmaß sprechen. Die gibt es dort; anderswo aber auch.