Michael Schultz Daily News Nr. 893

Michael Schultz Daily News Nr. 893

Hong Kong, den 18. März 2015

Eine Künstlerin küsst eine frisch grundierte Leinwand; sie malt mit ihrem Mund eine ansehnliche Kusslandschaft, und nachdem das Bild fertig war, hatte es auch schon einen Liebhaber gefunden. Gesehen auf der Vorbesichtigung  zur 'Art Basel Hong Kong' am vergangenen Freitag. Gestern ging die Messe zu Ende, nicht unbedingt mit einem Paukenschlag, dafür aber mit der Erkenntnis, dass die aktuelle Kunst aus Asien sich aufregender und spannender denn je präsentiert. Eine wahre Augenweide, was da alles in den Messekojen zu sehen war. Nach einer kleinen, vom Markt verursachten Delle, zeigen auch die Galerien aus China wieder mutvoll Frisches aus den Ateliers ganz junger Künstler. Und die Malerei hat sich auch bei den dort gerne experimentierwilligen Kunstschaffenden mit altem Glanz und neuem Gesicht die Vormachtstellung unter den Medien zurückerobert. Zwar zaghaft, dafür aber unübersehbar. Die Anhänger 'westlicher' Kunst kamen in Hong Kong nicht so auf ihre Kosten.

Der Messefokus lag eindeutig auf Asien, dabei mit dem Schwerpunkt auf China. Das wundert kaum, denn jeder der in China reich geworden ist, lagert sein Vermögen in der zugriffsicheren Sonderregierungszone, und wer als Mainland-Chinese Kunst als Anlage sammelt, lagert diese in einem der zahlreichen Zollfreilager in Hong Kong. Gemeinsam mit den dort ebenfalls vorhandenen Zollvergünstigungen fokussiert sich der asiatische Kunstmarkt immer deutlicher auf die beiden Stadtstaaten Singapur und Hong Kong. Ob diese Destinationen langfristig ausreichend Business für die Kunst aus der Alten Welt generieren werden, bleibt abzuwarten. Das Vertrauen in die eigene junge Kunst jedoch treibt die Sammler Asiens spürbar zurück in ihre Heimatmärkte.

 

Ebenfalls gestern beendet wurde das Kunstmarktseminar an der Kunstakademie in Hangzhou. Zum Schluss wurden auf einem, von Burkhard Held moderierten, Podium die Unterschiede zwischen der Galeriearbeit in China und in Deutschland erörtert. Für die Masterstudenten, aber auch für Teile des Lehrkörpers, ein aufschlussreicher und aufhellender Einblick in die entlegensten Winkel des Geschäfts mit der Kunst. Gerade in China ist die Bindungswilligkeit der Künstler zu ihren Galerien noch nicht sehr stark ausgebaut, hier galt es die Angst zu nehmen und über Vorteile aber auch Einschränkungen einer engeren Zusammenarbeit aufzuklären. Am Ende der Diskussion zumindest wurde eine engere Zusammenarbeit zwischen der in Shanghai beheimateten Don Gallery und uns verabredet. Immerhin.  

Vieles geschieht gegen Ende dieser Woche auch in der Heimat. Zu Hause in Berlin eröffnen wir am Samstag mit dem türkischen Videokünstler Erdal Inci, und der in München ansässigen und aus der Ukraine stammenden Objektkünstlerin Iryna Pryval. Cornelia Schleime eröffnet ebenfalls am Samstag ihre Einzelausstellung bei Livingstone in Den Haag, und im Kunstverein Münsterland/Coesfeld wird es auch am Samstag eine Gegenüberstellung der Kunst von Malgosia Jankowska zu den Skulpturen von Herbert Mehler geben. 

Es gibt viel zu tun. Packen wir's an.