Michael Schultz Daily News Nr. 891

Michael Schultz Daily News Nr. 891

Hangzhou, den 16. März 2015

nicht mal ganz eine volle Zugstunde entfernt von Shanghai liegt das größte zusammenhängende Teeanbaugebiet Chinas; vermutlich sogar weltweit. Unter der Überbezeichnung Longjing wird hier in den Hügeln rund um den Westlake das Nationalgetränk Chinas, der grüne Tee, angebaut. Im Zentrum befindet sich die Stadt Hangzhou, in der sechs Millionen Menschen von dem Geschäft mit dem Tee und dem Tourismus leben.

 

Seit nunmehr zehn Jahren gibt es ein Joint Venture zwischen der in Berlin ansässigen Universität der Künste (UdK) und der Art Akademie in Hangzhou. Chinesische Studenten können in ihrer Heimat einen UdK Masterabschluss machen, ohne dabei jemals deutschen Boden betreten zu müssen. Zu den Gründungsinitiatoren dieser weltweit einmaligen Idee gehört der Künstler und Hochschullehrer Burkhard Held, der noch heute für den programmatischen Ablauf zuständig ist (Foto Mitte sitzend).

Zum Studiengang gehören auch Seminare, die den Studenten Einblicke in die weit verästelten Wirrungen des Kunstmarktes bieten. Wegen meiner Anwesenheit im nur knapp zwei Flugstunden entfernten Hongkong wurde ein solches kurzfristig einberufen. Seit Samstag wird intensiv über die nicht unendlichen, aber vielen Möglichkeiten beruflicher Aussichten von Künstlern gesprochen; besonders dann, wenn sie aus China kommen und die dort bekannte gute Ausbildung erfahren.

Bis gestern traf sich in Peking der alljährlich stattfindende nationale Volkskongress, an dem mehr als 3000 Delegierte teilgenommen haben. Delegiert werden diese nicht vom Volk sondern ausschließlich von der allmächtigen KP Chinas. Die Fernsehprogramme berichten, analysieren und schlussfolgern den ganzen lieben langen Tag. Und damit nicht Ungefiltertes der oft in Rätseln vorgetragenen Politaussichten in die Welt verbreitet wird, funktionieren während dieser Zeit besonders die internationalen Internetverbindungen (wenn überhaupt) recht schlecht. Heute früh erstmals war es wieder möglich, das GMX Programm vollumfänglich zu benutzen. Weil aber die Angst im Nacken sitzt, dass das ganz schnell wieder gestört wird, heute (und vielleicht auch morgen und übermorgen) lediglich eine Kurzform des Tagesbriefes.

Für die Daheimgeblieben bietet sich heute Abend die Möglichkeit, an der Eröffnung einer besonderen Ausstellung von Rebecca Raue teilzunehmen. Unter dem Motto 'Ankommen und Ablegen' wird heute um 18 Uhr in der Berliner St. Matthäus-Kirche, zwischen Nationalgalerie und Philharmonie, ihr Kunstprojekt feierlich eröffnet. Gezeigt wird eine Installation mit weißen Booten, die denjenigen ähneln, die man aus Papier falten kann und die von Bootsflüchtlingen gebaut wurden, die im Berliner Cucula-Projekt zusammenarbeiten. Zu diesem Zweck wurde die Kirche leergeräumt.
Für Rebecca Raue dienen die Boote als Spiegel des menschlichen Auf-dem-Weg-Seins. Für die Flüchtlinge, die über Lampedusa nach Berlin gekommen sind, sind sie Symbol ihrer traumatischen Überfahrt. Die Ausstellung möchte von diesen Schicksalen erzählen. Dazu schreibt die Künstlerin:
'Das Boot ist ein wiederkehrendes Motiv in meinen Arbeiten. Mit dem Boot kann man Freiheit assoziieren, Reiselust, Fernweh, das Boot kann aber metaphorisch auch als Körper verstanden werden, in dem wir durchs Leben reisen. Mich verbindet mit dem Boot meist die Frage nach Heimat, nach zu Hause. Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? In der Installation „Ankommen und Ablegen“ gehe ich einen Schritt weiter: die Boote werden aus Holz gebaut, von Afrikanern, die mit ähnlich einfach gebauten Booten übers Mittelmeer nach Lampedusa und schließlich nach Berlin gekommen sind. Viele andere sind auf der Überfahrt ertrunken, das Meer hat sie verschluckt. Wie kann Deutschland, wie kann Europa sich dem Leid dieser Menschen annehmen? „Ankommen und Ablegen“ -  in der Menschlichkeit ankommen, Vorurteile ablegen. Ich gebe keine Antworten, ich biete einen Raum, ein begehbares Bild, das zum Verweilen, zum Mit-sich-selbst-ins-Gespräch-kommen einladen soll. Vielleicht ist der Gedanke des Auf-der-Flucht-seins dem einen oder anderen dann viel näher als erst einmal angenommen.‘
Erstmals wurde die Installation unter größerem öffentlichem Interesse vergangenen Sommer im von Ewald Schrade betriebenen Schloss Mochental gezeigt. Heute Abend also in Berlin, die Ausstellung ist bis zum 3. April zu sehen; dringend empfohlen wird die heutige Eröffnung.