Michael Schultz Daily News Nr. 890

Michael Schultz Daily News Nr. 890

Hong Kong, den 13. März 2015

heute ist es mal wieder soweit: wir haben Freitag und es ist der Dreizehnte. Für die Abergläubigen unter uns ein Tag des Schreckens und der Furcht. Es gibt tatsächlich Mitmenschen, die bleiben aus Angst davor, dass ihnen heute was Schreckliches passieren kann, den ganzen Tag im Bett. Andere steigen in keinen Flieger, fassen keine Lichtschalter an, und verzichten auf die Betätigung der Toilettenspüle. Sie duschen sich heute nicht, das Essen wird vorgekocht und der Fernseher bleibt aus. 

Die Mutigen trauen sich zwar aus dem Haus, sie gehen zur Arbeit, vermeiden aber jeden Gefahrenkontakt. Dafür laufen sie aus Furcht vor herabstürzenden Dachziegeln ganz nah an den Hauswänden entlang, steigen in kein Auto und verzichten so gut es geht auf öffentliche Verkehrsmittel. Bevor sie ihre Arbeit verrichten, wird akribisch der Arbeitsplatz auf Gefahrenpotenzial untersucht. Für sie gilt es vorzubeugen, damit nicht eintritt, was Freitag der 13. so alles auf dem Schirm hat.  

Die Mehrheit aber trotzt dem Aberglauben, sie organisieren wie an jedem anderen Freitag neben ihrem Leben auch den Alltag der Ängstlichen. Sie sorgen durch ihre Furchtlosigkeit dafür, dass die Zivilisation auch an solchen Tagen nicht zusammenbricht. Doch auch sie sind recht vorsichtig; der ADAC hat die Freitage, die auf den 13. Fallen, mal unter die Lupe genommen, und dabei festgestellt, dass an diesen Tagen rund 10% weniger Unfälle passieren. 

Ein solcher Tag also hat es in sich. Gott sei Dank kommen Freitage am Dreizehnten relativ selten vor: ein bis dreimal im Jahr. Für die Furchtlosen kein Dilemma, die von der Angst besessenen aber planen ihr Jahr nach diesen Tagen. Wie vieles was uns so bedrückt, so kommt auch dieser Angstglaube aus den Tiefen des christlichen Glaubens. Der Freitag als Todestag von Jesus gilt alleine schon deshalb als schwer belastet, und die 13. gilt in der Symbolik der Zahlen schlechthin als Unglücksbringer. 

Wenn beide zusammentreffen, wird es für einige unter uns eng. Die krankhafte Angst davor wird in der Fachsprache Paraskevedekatriaphobie genannt. Alleine der Begriff ist schon Furcht einflößend.

Die ganz Jungen unter uns allerdings scheren sich einen Dreck darum. Aufgewachsen ohne die Schreckenslehre der Popen und Pfaffen führen sie, zumindest was das Aufeinandertreffen von Tag und Zahl betrifft, ein sorgenfreies Leben. Die immer weiter fortschreitende gesellschaftliche Aufklärung, aber auch unser zeitgemäßes Bildungssystem sind auf dem Vormarsch und verdrängen die Lehren des Aberglaubens, doch die Sorgen werden deshalb nicht weniger. Mobilität ist heutzutage das Kampfwort unserer Existenz, und wer sich darin nicht zurechtfindet, für den ist jeder Tag ein Freitag der auf den 13. fällt.