Michael Schultz Daily News Nr. 885

Michael Schultz Daily News Nr. 885

Karlsruhe, den 6. März 2015

so ganz sicher war der Heimflug aus New York gestern Abend dann doch nicht. Am frühen Morgen begann ein schwerer Schneesturm, der mit wachsender Vehemenz bis zum späten  Abend anhielt. In unvorstellbarer Menge fiel die weiße Pracht vom Himmel, zeitweise war die Sicht auf unter einhundert Metern begrenzt. Doch, Ende gut - alles gut, mit etwas Verspätung konnten wir dann doch noch die Rückreise antreten. Der City Airport in LaGuardia wurde nach einer Schlitterpartie für den Rest des Tages geschlossen.
 
Naturgewalten, und davon kann Amerika ein Lied singen, erschüttern immer wieder das, der Zeit ein wenig enteilte, Netz- und

Technikaffine Land. Im Herbst, wenn die Hurrikane übers Land ziehen, im Sommer, wenn halb Kalifornien brennt, oder wie jetzt im Winter, wenn schwerer Schneefall das öffentliche Leben zum Erliegen bringt, dann wird Amerika auf den Boden der Realität zurückgeholt: seine Verwundbarkeit, Hilflosigkeit und Ohnmacht wird deutlich sichtbar.

Angesichts des sonst so übermächtigen Staates, der mit seinen unzähligen Forschungseinrichtungen das Leben der Menschheit verformen, vereinfachen, aber auch einschränken und kontrollieren möchte, erinnert die Natur in ständigen Intervallen an ihre allmächtige und unbesiegbare Energie. Nirgendwo sonst auf der Welt, wird die Zivilisation davon derart hart getroffen. 
 
Doch die Amerikaner nehmen es hin; widerwillig aber ohne Demut. Ihrem Naturell als unbesiegbare Weltmacht treu, verachten und ignorieren sie das Wetter. Und damit hat sich’s. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten schwillt selbst das stets gut ausgestattete Füllhorn der Selbstbewussten niemals über. Immer  cool bleiben heißt die Devise.

In Riegel am Kaiserstuhl wird heute Abend um 19 Uhr in der 'Kunsthalle Messmer' die retrospektiv angelegte Werkschau des aserbaidschanischen Künstlers Arif Aziz eröffnet. Erstmals werden die Werke des, in seiner Heimat bedeutenden Malers und ebenso einflussreichen Hochschullehrers, bei uns in Deutschland gezeigt. Danach wandert die Ausstellung nach Berlin, und später nach Dresden.
 
Das Unbekannte in fremden Kulturen hat immer schon einen besonderen Reiz auf uns ausgelöst. So auch der Blick nach Aserbaidschan, einem Land, von dem wir davor so gut wie gar nichts wussten. Überrascht hat die authentische Vielfalt der Kulturen; sowohl in historischer Sicht als auch in Bezug auf aktuelle Kunst.

Bevor wir das weitläufige Atelier von Arif Aziz besuchen konnten, informierten wir uns über die Strömungen und Tendenzen des aktuellen Kunstgeschehens.  Aufschlussreiche Ausstellungen dazu wurden sowohl im Nationalmuseum gezeigt, als auch in dem imposanten und von Zaha Hadid geschaffenen Aliyev Center.
 
Beide Ausstellungen vermittelten einen tiefen Einblick in das künstlerische Schaffen junger und jüngerer aserbaidschanischer Künstler. Auf der Suche nach dem Link zwischen dem dort im Land lange vorherrschenden, und von der Sowjetunion geprägten Sozialistischen Realismus und dem freien Denken und Handeln heutiger Kunst, war die Begegnung mit Arif Aziz unausweichlich.
 
Er genau verkörpert das Bindeglied zwischen der Kunst als Aserbaidschan noch Sowjetrepublik war, und der freien Entfaltung, die die heutige Kunst im Land zwischen Kaukasus und kaspischen Meer auszeichnet. Aziz hat als Hochschullehrer seinen Schülern stets ihre Möglichkeiten offengelassen und gewährt; niemals ließ er sich durch Staatsdoktrin beeinflussen. In seiner Kunst fokussierte sich Arif Aziz (auch zu Sowjetzeiten) stets auf Reduktion und Abstraktion. Bei genauer Sicht ist ein in sich schlüssiger Werdegang seines künstlerischen Schaffens, und damit auch seines Denkens, durchgängig ablesbar. Auch er hat sich nie verbogen.
 
Losgelöst von seiner Herkunft erschließt sich sein Werk erst auf den zweiten und weiteren Blick. Mit dem Wissen um seine künstlerische Existenz und dem damit verbundenen intellektuellen Überlebenskampf jedoch sehr tiefgründig.
 
Zu Ehren des Künstlers, aber auch als Verbeugung vor seiner Heimat, wird die Eröffnungsrede heute Abend durch mich gehalten. Ich freue mich darauf.