Michael Schultz Daily News Nr. 883

Michael Schultz Daily News Nr. 883

New York, den 4. März 2015

Die Wetterkapriolen an der amerikanischen Ostküste schlagen weiter ihre Wellen. Gestern früh noch strahlend blauer Winterhimmel, am Nachmittag plötzlich aufkommender und starker Schneefall,  der sich am frühen Abend in Eisregen verwandelte. Abwechslungsreiche Bilder, die uns Berlinern alles geben was uns in diesem Winter vorenthalten wurde. Heute soll sich das Wetter kurzfristig beruhigen, ab Freitag dann aber wieder tierisch kalt werden. 

Die Standkonzeption auf der 'Armory' konnte nicht wie geplant vorgenommen werden, weil die Aufmaße nicht mit den, uns im Vorfeld übersandten, Unterlagen übereinstimmten. Doch dank einer Mittelwand und einiger kleiner Kompromisse wurde doch noch eine ansehnliche Hängung daraus. Der Stand besteht aus zwei Teilen; auf einer Hälfte (siehe Foto) wurden in wilder Hängung die Klassiker untergebracht: Jawlensky, Nara, Miró, Richter, Dix und Moore. Auf dem anderen Part zeigen wir Cornelia Schleime, Andy Warhol, Sabina Sakoh, Sigmar Polke, SEO und Andy Denzler; in täglich wechselnder Hängekonzeption. 

Tita von Hardenberg, die gerade ein filmisches Portrait über Cornelia Schleime macht, wird uns heute auf der Messe besuchen. Möglicherweise mit der isländischen Sängerin Björk, die derzeit in einer MoMA-Ausstellung gewürdigt wird. Von ihr hatte Cornelia Schleime ein malerisches Portrait gefertigt, welches auf der Messe gezeigt wird. New York ist im Messefieber; man spürt es Allerorten.

Aber auch in Karlsruhe wird heute die 'Art' eröffnet. Wie bereits angekündigt, haben wir uns für unseren dortigen Auftritt einiges einfallen lassen. Im Zentrum unserer diesjährigen Präsentation stehen die Selfbondage-Fotos der dänischen Künstlerin Annette Merrild. Im Kontext irritieren wir mit einem Kaffeeautomaten, der Genüssliches, Gewöhnliches aber auch Widersprüchliches in den Diskurs wirft.

Was Kunst und die Rolle ihrer eigentlich ist, darüber haben sich schon so manche den Kopf zerbrochen. Der radikalste Kunstproduzent seiner Zeit war Marcel Duchamp, der aktuellste Damien Hirst: beide erhoben kunstferne Alltagsgegenstände in die Waagschale um gegen tradierte Kunstbegriffe zu rebellieren.

In Karlsruhe gehen wir  einen Schritt weiter und sprengen die hegemonialen Sozialstrukturen des Kunstmarktes durch das Aufbegehren gegen gesamtgesellschaftliche Normen: Der Galerist wird zum Kunstproduzenten und enthebt sich somit der Rolle des Vermittlers, indem der Stand auf der Kunstmesse als ein in sich abgeschlossenes interaktives Kunstwerk konzipiert wurde, das dem Messebesucher die Funktion des Aussagenproduzenten zuspielt.  

Der monografischen Präsentation von Annette Merrild wird als inhaltliche Gegenposition ein Espressowagen, dessen Erzeugnis vom Teilnehmer konsumiert werden soll, entgegengestellt. Ziel ist es den Betrachter durch Konfrontation für ein ethisches Paradoxon zu sensibilisieren: Im Mittelpunkt dieses prozess- und erfahrungsorientierten Kunstansatzes stehen zwei gesellschaftlich unterschiedlich bewertete Modelle der Befriedigung lebensnotwendiger und neurobiologisch verankerter psychosozialer Grundbedürfnisse;  erlebbar durch den Genuss des Kaffees und optisch nachvollziehbar durch die Fotografien von  Annette Merrild.

Die Installation funktioniert aber nur, wenn der Besucher eine aktive Rolle als kaffeekonsumierender Protagonist einnimmt und simultan sich dem Betrachten der zugeschnürten Frauen hingibt. Das Kaffeetrinken auf der Messe ist ein sozial etabliertes, sich immer wieder (sucht)artig-bewusstes Phänomen zum Abbau von Stress und somit Lustgewinnung.

Während der Einnahme ist eine visuelle kontrastive Auseinandersetzung mit den Arbeiten Merrilds räumlich unausweichlich und die aufkommenden selbstreflexiven Fragen ebenfalls: Wieso existieren auch andere Formen der alltäglichen Glücksfindung? Wieso hilft mir der Kaffee dabei und weshalb weichen andere Mitmenschen auf tendenziell sozial weniger akzeptierte Methoden, wie dem autoerotisierendem Self Bonding aus? Warum haben Menschen verschiedene Vorstellungen und Begründungen für ihren emotionalen Ausgleich? Die, durch diesen Impuls eingeleitete rationale Diskussion über Normalität und Konditionierung dieser, kann nur einen Ausgang finden: Die Rückführung von Geltungsansprüchen hinsichtlich Wahrheit und Gewissheit in puncto gesellschaftlich erwünschter Lebensentwürfe auf letzte sichere Grundlagen endet in antiliberalen Ideologemen und stellt einen Angriff auf unser demokratisches Wertegerüst dar.

Das, durch den kritischen Diskurs entstandene Bewusstsein über ethische gleichwertige koexistierende Lebensentwürfe, schafft Toleranz. Jene Toleranz in Bezug auf wünschenswerte menschliche Individualität, die in letzter Zeit durch gewaltaffine Demonstrationen und Attentate in den Metropolen so erschütternd infrage gestellt worden sind. Die Präsentation verdeutlicht, dass Kunst sich von der Funktion des schmückenden Beiwerkes verabschiedet hat und längst in der Politik angekommen ist.

Letztlich geht es uns um das Austesten der Lust- und Reizbarkeit von Messebesuchern; aber auch, um  die intellektuelle Belastbarkeit dieser zu erforschen. Rückschlüsse, sofern diese überhaupt messbar sind, wollen wir künftig in die kuratorischen Grundkonzepte weiterer Messebeteiligungen einarbeiten.  

Karlsruhe als Test - nicht das erste Mal - bereits bei unserem ersten Auftritt im Jahr 2007 verunsicherten wir mit einer Brotschaufel-Installation des litauischen Künstlers Saulius Vaitiekunas die Messebesucher. Doch dieses Mal geht es ums Ganze; um Nachhaltigkeit und um radikale Veränderungen festgefahrener Messegefälligkeiten.

Der Messestand als Spielfeld interaktiver Kunstproduktion; dort wollen wir hin. Konzeptionell wird das Projekt von ehemaligen Praktikanten betreut; Ricarda Brosch und Anton Cos (die auch inhaltlich mitgewirkt haben) als unverbrauchte Protagonisten einer lustvollen Irritation.

Viel Spaß beim Mitmachen.