Michael Schultz Daily News Nr. 879

Michael Schultz Daily News Nr. 879

Berlin, den 26. Februar 2015

jeder von uns ist ihnen schon mal begegnet, den Typen die laut ins Handy brüllend in den Flieger steigen, die im Restaurant in unerträglicher Lautstärke mit dem mobilen Telefon die Nebentische belästigen; denjenigen die ihre geschäftlichen Erfolge deutlich und für jedermann hörbar von sich geben. Es gibt sie zuhauf, und es werden immer mehr. 

Millionen, meist Dollar weil das eben geiler klingt, schwirren durch den Äther. Grob zusammengerechnet werden bei einem durchschnittlichen Inlandsabflug, auf dem Weg in die Kabine und bis zum Start, vor, hinter und neben einem, Umsätze im zweistelligen Millionenbereich getätigt. Und jeder soll's wissen.

Das Handy wird zum Mittler von Erfolg; nicht ausgeschlossen, dass dabei auch Selbstgespräche geführt werden. Dort wo Profilierung möglich ist, wird Vertraulichkeit ausgeschlossen. Was man da alles so zu Ohren bekommt, wird im normalen Leben (wenn überhaupt) nur hinter vorgehaltener Hand von sich gegeben. Vielflieger können ein Lied davon singen.

Mitunter wird auch Pikantes aus dem privaten Bereich verbreitet: ein Vater wimmelt seine Tochter ab, die ihn für einen längeren Brasilienaufenthalt anpumpen will. Zwischendurch legt immer mal einer von beiden auf, ruft wieder an, sie beschimpfen sich so lange bis der Flieger abhebt. In einem anderen Fall geht es um die todkranke Großmutter; der Sohn redet auf sein Kind ein, diese nicht im Krankenhaus zu besuchen, weil sie ihr Leben lang 'Nichts, aber auch Garnichts für dich getan hat'.

Harte Themen werden offen und gut hörbar abgehandelt. Überhaupt ist die Kabine einer 737, besonders in den Businessreihen, ein Sammelbecken für Menschen mit schlecht entwickeltem Selbstwertgefühl. Sie wollen bestaunt, bewundert, bemitleidet, an die Brust genommen und geliebt werden. Das Handy hilft ihnen dabei, denken sie. Den Mitreisenden aber geht das Getue deutlich auf den Geist; gerade da vorne im Flieger hat man andere Sorgen. 

Das Handy wird immer mehr zum Symbol des Mittelmaßes, und überall dort wo viele Menschen zusammenkommen, schlägt der Durchschnitt zu. Ohne Leistung, gar mit fingierten Gesprächen, stellt man sich für einen kurzen Augenblick ins Zentrum, atmet tief, spannt den Brustkorb und ist wer. Meinetwegen.

Der Status ist uns wichtig. Nichts zu sein, geht gar nicht. Große wie kleine Unternehmen haben dies schon lange erkannt: ihre Bonusprogramme offerieren Anerkennung. Blaue, rote, schwarze Karten werden vergeben, im  Kreditkartenformat. Um die höchste Stufe zu erreichen, muss der Umsatz stimmen. Andere Unternehmen verleihen Titel: Senator, Ambassador, Titanmember, und vieles mehr. Damit der jeweilige Stand äußerlich erkennbar ist, werden mit Vorliebe Kofferanhänger verteilt.

Auch die Lufthansa, und jetzt sind wir wieder beim Fliegen, zeichnet ihre Kunden aus. Für den 'Senator' gibt es das rote Namensschild. Zum Transport des Gepäcks braucht man dieses schon lange nicht mehr; geht alles elektronisch. Der Anhänger wird zweckentfremdet und mit Vorliebe gut sichtbar am Handgepäck angebracht. Handtaschen, Rucksäcke, ja sogar Tabletbags werden statusgerecht damit versehen; immer so, dass es ja auch jeder sehen kann.  

Die unterschiedlichsten Facetten der Eitelkeit, nirgendwo anders als beim Fliegen sind sie so sichtbar. Ausgestattet mit dem roten Lufthansa Bag Tag verlieren viele Statuskunden jede Form von Scham und Höflichkeit. Sie drängeln sich beim Einsteigen vor, überfordern das Kabinenpersonal, echauffieren sich bei Verspätungen, reklamieren bessere Sitzplätze - ihr Status gibt ihnen Recht und Macht. Am Ende der Reise sind dann gerade diejenigen, denen das Fliegen so bequem wie nur möglich gemacht werden soll, enttäuscht, mit den Nerven am Ende, total fertig und erschöpft. 

Einsicht aber gibt es nicht. Warum auch. Dass der Status meist mehr verspricht als er liefert, ist eine Binsenweisheit. Manche eben wollen das einfach nicht wahrhaben. Sie ignorieren ihre Zugehörigkeit zum großen Durchschnitt; irgendwann kommt das Bag Tag ans Revers. Eine Maßnahme, die dann ganz sicherlich die Situation im Flieger auch nicht entspannen würde. 

Und was tun wir? Wir beobachten und genießen.