Michael Schultz Daily News Nr. 877

Michael Schultz Daily News Nr. 877

Berlin, den 24. Februar 2015

'Ortswechsel' könnte, wenn es ihn nicht schon gibt, Titel für einen guten Krimi sein. Wer, aus welchen Gründen auch immer, seine Heimat verlässt, gar verlassen muss, der hat nicht selten tiefgreifende Gründe dafür. Und wer beruflich viel unterwegs ist, genießt mitunter temporäre Seitensprünge, die er sich zu Hause niemals erlauben würde. Die Hotelzimmer könnten ein Lied davon singen; wenn sie nur wollten. Doch Verschwiegenheit ist ihre Pflicht, und so kommen lediglich die Erkenntnisse der beruflichen Abwesenheit ans Licht.

Wie auch immer, landläufig ist man sich sicher, dass ein Ortswechsel von Nöten ist, wenn zu Hause nichts mehr geht. Die einen tun dies für immer und schwören nie wieder zurückzukehren. Andere lassen sich ein Hintertürchen offen, damit sie ohne Scham zurückkehren können, wenn es in der Fremde auch nicht klappt.  

Die Heimat zu verlassen, dafür gibt es viele Gründe. Nicht alle sind negativ belegt, es gibt ja auch freudige Ereignisse wie beispielsweise Familienzusammenführungen, Erbschaften, die angetreten werden wollen, oder gar einen Vorstandsposten, der besetzt werden will. Und, nicht selten gibt es auch steuerliche Gründe.

Wenn einer von uns seinen angestammten Platz verlässt, der Umzugswagen vor der Tür steht, dann interessiert das kaum jemanden. Nicht mal die direkten Nachbarn, nur die engsten Freunde werden uns vermissen.

Wenn Stars und Sternchen mit Hund und Familie umziehen, füllen diesen Tatbestand sogar die 'gemischten' Seiten seriöser Tageszeitungen. Die Meldung des heutigen Tages ist, dass Cate Blanchett mit ihrer Familie noch in diesem Jahr von Australien in die USA umziehen will. 'Es war eine sehr schwierige Entscheidung', sagte dazu ihr Ehemann, 'aber jetzt sind die Kinder noch in einem Alter, indem sie ohne größere Probleme für ihre Schullaufbahn umziehen können'. Amerika freut sich auf die Ausnahme-Schauspielern ('Aviator', 'Blue Jasmin'), in Australien wird man sie vermissen. Sie verlässt ihre Heimat, weil er sich in den USA beruflich besser verwirklichen kann. Mehr Liebe geht kaum. 

Aber auch unser TV-Sternchen Daniela Katzenberger will sich mit dem Sänger Lucas Cordalis im Schwarzwald (!) ein neues 'Nestchen' bauen. Beide haben sich bewusst für das stark bewaldete Mittelgebirge entschieden; ihre Behausung wird gerade renoviert. Beide kennen die Region; als Sohn von Costa Cordalis, der seit langem in Freudenstadt wohnt, ist der Junior dort aufgewachsen. Sie hoffen, dort in Ruhe ihren Dingen nachgegen zu können. Weil sich ihre Zielgruppe der über 60igjährigen dort ganzjährig  auf Kur befindet, wir das aber kaum möglich sein.  

Felicitas Woll dagegen ('Berlin, Berlin') will ihre nordhessische Heimat erst gar nicht verlassen. Sie schwärmt gerade von ihr: 'Das ist mein Rückzugspunkt. Ich habe den Wald in der Nähe, bin dort aufgewachsen, und das brauche ich auch'. Nie wollte sie ganz nach Berlin, sie habe so viel Stadt in ihrem Beruf, dass sie es genießt, nach Hause zu kommen, um in Ruhe und Eintracht die Natur auf sich wirken zu lassen. So die  Grimme-Preisträgerin, die mit ihrer Tochter auf einem Bauernhof lebt.  

Für den Ortswechsel also gibt es viele Gründe. Man kann seine Heimat auch verlassen, weil es zu eng wurde, weil die ständigen Beobachtungen von Familie und Nachbarn Freiräume eingrenzten, weil Erlebnisse und Erfahrungen ein Schreckensszenario für die Zukunft aufzeichneten. 'Was wäre aus mir geworden, wenn ich dort geblieben wäre', eine Frage, die sich viele von uns schon mal  gestellt hat.

Doch es ist müßig darüber nachzudenken; jede Zeit hat ihren Lauf, in ihr entwickeln wir uns und reifen zu dem was wir sind. Ortswechsel beschleunigen mitunter; mehr nicht. Wir bleiben unserer Vorsehung verbunden.

Ein altes russisches Sprichwort beleuchtet dieses Problem und fragt: Wenn ein Vogel in einem Pferdestall geboren wird, was ist es dann? Ein Pferd oder ein Vogel? 

Die Antwort können wir uns ersparen. Spannender wird es, was geschieht wenn ein Pferd in einem Vogelnest geboren wird. Doch auch hier ist die Antwort recht einfach: das Pferd verlässt so schnell es geht das viel zu enge Nest.

Nehmen wir diese russische Weisheit als Grundlage weiterer Erforschung, dann wissen wir, dass viel mehr Pferde in Vogelnestern geboren werden, als wir bisher vermuteten. 

Für die einen reicht die Dienstreise zum Ausbruch, die anderen ertragen den  Stallgeruch nicht und flüchten für immer. Doch ihre angeborene Gewohnheit treibt sie immer wieder zurück in ihre Nester; dort bleiben sie solange bis es auch in ihnen zu eng wird. Glückselig sind die vielen Vögel, die im Pferdestall das Licht der Erde erblickten. Auch ihre Kinder und Kindeskinder werden sich in den geräumigen Stallungen wohlfühlen.