Michael Schultz Daily News Nr. 876

Michael Schultz Daily News Nr. 876

Nürnberg, den 23. Februar 2015

mal Hand aufs Herz: was wäre unser Alltag ohne die muntermachenden Headlines der 'Bild' Zeitung. Gäbe sie es nicht, würde uns viel fehlen. 'Bild' bringt's auf den Punkt, polarisiert, provoziert, doziert, seziert und manipuliert. Tag für Tag, furchtlos und immer in der Nähe der Gürtellinie. Mal drüber, mal drunter. Gegen 'Bild' kann man in Deutschland keine Wahlen gewinnen und schon gar nicht regieren, formulierte einst Alt-Kanzler Gerhard Schröder. Und er hatte Recht. Seine Nachfolgerin Angela Merkel hat sich diese Weisheit sehr zu Herzen genommen. 'Bild' liefert die Themen und die Stimmung dazu - die Kanzlerin zuckt, zögert und schließt sich ihrer Meinung an.

Ein Blatt fürs Volk, gemacht für die Gedemütigten, Vernachlässigten und Unterdrückten, mit feinstem Gespür für große Themen. Die Aufmacher der 'Bild' sind Oscar verdächtig; so viel Sinn für Unsinn ist in unserer Medienlandschaft einzigartig.

Noch ist es gar nicht so lange her, da war es verpönt mit der 'Bild' unterm Arm oder gar sichtbar in der Jackentasche den Boulevard entlang zu gehen. Nicht nur für Linke, auch gestandene Konservative lasen die 'Bild' am liebsten auf der Toilette, im Flieger oder im Bundestag. Nur in den Händen der Arbeiterklasse wurde offen und ohne Scham in ihr geblättert. Für sie war (und ist) es die Leiblektüre; das Kampfblatt des Proletariats.

Doch die Zeiten haben sich geändert. 'Bild' hat viele Käufer verloren. Von rund 3 Millionen noch Anfang 2010 ist die verkaufte Auflage Ende 2014 auf 2,22 Millionen geschrumpft. Wegen der enormen Doppel- und Mehrfachnutzung einer verkauften Zeitung werden trotzdem täglich 11.490.600 Leser registriert. Dafür ist die Zeitung in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Man muss sich mit 'Bild' in der Hand nicht mehr schämen. Der Leser von heute, keine schlechte Bildung und vernünftiges Einkommen, trägt sie sichtbar in der Manteltasche. Man gönnt sie sich, zeigt sich mit ihr und signalisiert im gemeinsamen Auftreten, dass man sehr wohl differenziert mit ihren Inhalten umgehen kann. Die Beziehung hat Qualität; der Leser strotzt vor Selbstbewusstsein.

'Bild' ist raus aus der Schmuddelecke. Sie gehört zum Establishment und macht ihre Meinung dort, wo es der Auflage aber auch dem politischen Denken ihrer Redakteure dient. Mal für die Armen, mal für die Reichen, mal für die Linken, mal für die Rechten, mal für die Kanzlerin, aber auch mal gegen sie. So wie es gerade passt. Wenn mal was schief läuft, wie zum Beispiel beim Mobbing gegen Christian Wulff, wird die 'Bild' nicht kleinlaut. Die Redaktion rückt noch näher zusammen und wird geschützt vom Vorstandsvorsitzenden Döpfner. Ein intellektueller Feingeist mit bestem Gespür fürs Geschäft.

Die Zeitungsmacher sind in ihrem Genre wahre Genies. Besser geht es nicht - zumindest auf deren Niveau. Es gibt keine eindeutige Zielgruppe mehr. Früher waren das die rechten CDU Wähler, doch 'Bild' ist in die Mitte gerückt, und diese reicht ja augenblicklich von halb links bis halb rechts. Ein weites Feld.

Vergangenen Samstag war es mal wieder soweit: die Headline 'Fakten über Berlins Frauen' hat viele Berliner zum Kaufen animiert. Zu wissen, wie sie in der Heimat ticken, ist so schlecht nicht. 'Sie verdient 2547 Euro. Sie hat Kleidergröße 44. Jede Dritte geht fremd. In ihrem Leben haben sie Sex mit sieben Partnern.' Auch das in großen Lettern auf der Frontseite. Der Faktencheck lieferte die Details. Um ein zutreffendes Charakterbild der gemeinen Berlinerin zu erstellen, wurden 50 Merkmale erforscht.

Leider, und das ist wirklich schade, verspricht der Text im Blatt nichts von dem was vorne auf dem Titel verkauft wird. Alles heiße Luft - oder aber, die durchschnittliche Berlinerin hat wenig von dem was Frau so ausmacht: sie besitzt nur 13 Paar Schuhe, hat BH-Größe 80, heiratet mit 32, wird 83 Jahre alt, fast die Hälfte ist übergewichtig, sie wählt mehrheitlich CDU, 67 Tage ihres Lebens kramt sie in ihrer Handtasche, jede siebte wird wegen psychischer Erkrankungen stationär behandelt und die meisten der bis zu 18 Jährigen wohnen in Neukölln.

Das muss Mann in Berlin wissen. Nichts Aufregendes also. Woher auch immer die Zahlen kommen: die Berliner Frau, die der Berliner so schätzt, sie ist smart, intelligent, weise, zart und selbstbewusst. Sie liebt ihre Kinder, ihren Mann und ihren Job. Sie steht ihren Mann. In jeder Lebenslage. Die Gene der Trümmerfrauen, die die Stadt mit Tatkraft vor dem Verfall bewahrten, sind im ihrem Erbgut fest verankert. Der Multikulti Einfluss von außen tut sein übriges.

Frauen in Berlin sind anders als 'Bild' sie haben will. Aber vielleicht liegt es ja auch daran, dass der typische 'Bild' Leser mehrheitlich männlichen Geschlechts ist. Laut Medienanalyse sind dies knapp 62%. Für die Zeitungsmacher Rückversicherung genug, um die Frau im Allgemeinen, und die Berlinerin im Besonderen schlecht dastehen zu lassen. In der Fragestellung zur Erhebung beginnt die Manipulation. Ein Feld auf dem 'Bild' schon immer großartig war.

Die Enttäuschung ist da. Berliner Entscheidungsträger werden künftig wohl die 'Bild' wieder ins 'Handelsblatt' einwickeln. Ausgerechnet jetzt, wo sie ein wenig Frieden mit ihr geschlossen haben, und das Gewöhnen aneinander kurz vor dem Abschluss war. Schade darum.

Seit langem schon erklärt uns 'Bild' die Kunst. Anerkannte und zweifelsfreie Persönlichkeiten tun dies. 'Bild' fördert Ausstellungen, editiert grafische Blätter weltbekannter Künstler, berichtet über Kunstevents - der einstige Gegner wurde zum Gefährten.

Doch 'Bild' bleibt unberechenbar - vielleicht ist es genau das, was wir so an ihr schätzen.