Michael Schultz Daily News Nr. 875

Michael Schultz Daily News Nr. 875

Berlin, den 20. Februar 2015

im letzten Teil unserer Trilogie des Entsagens werfen wir heute einen kurzen Blick auf das, durch den Zölibat angeordnete, Dauerentsagen heterosexueller Beziehungen für katholische Priester. Sinn und Unsinn dieser weltfremden Verordnung ist ständiger Gesprächsstoff bei den darunter Leidenden. Es gärt in der Kirche, und selbst für Papst Benedikt ist die Ehelosigkeit der Priester kein 'Glaubensartikel', sondern lediglich eine Norm. Damit meint er, dass der Zölibat nicht in Stein gemeißelt sei; eine Überraschung, die Hoffnung für die zur Beziehungslosigkeit verdammten Beschäftigten der Kirche macht. 

Der Klerus rüstet auf, man will die Kirche der Zukunft sichern. Mit einer freien Sexualität würde sich die Kirche nicht nur intern erneuern, das Signal würde die doch sehr stark verkrusteten Moralvorstellungen der Katholischen Lehre aufbrechen, und den Gläubigen den Gang in die Gotteshäuser erleichtern. Das Leben unter der Bettdecke, egal in welcher Beziehung, wäre dann viel weniger Hauptbestandteil der Beichtsitzungen. Für die Priester ein Fluch - für die Gläubigen ein Segen.

Benedikt geht zwar davon aus, dass der Zölibat im Ganzen bestehen bleibe. 'Aber gesetzt dem Fall, die Kirche entschließt sich, diese Norm zu revidieren, dann glaube ich, wird sie es nicht wegen des Priestermangels tun', sondern sie würde es 'wegen eines kulturellen Problems an einem bestimmten Ort in Angriff nehmen, aber nicht für alle gültig und nicht als persönliche Option'. 

Wie alle Geistlichen spricht auch er in Rätseln. Nie war die Kirche der Ort der klaren Worte, und schon gar nicht ein Hort von Gleichgestellten. In den sogenannten Ostkirchen, aber auch in Teilen des Orients, werden seit jeher verheiratete Männer zu Priestern geweiht. Kirchenintern sind das kulturelle Abweichungen, denen man Rechnung trage müsse. Für unsere Kultur gilt diese Sonderreglung nicht, doch der Papst macht Hoffnung, dass es aufgrund von möglicherweise aufkommenden kulturellen Erkenntnissen, in den Südhängen des Bayerischen Waldes regionale Befreiungserlasse geben könne. Träfe dieser Fall ein, käme es zu Massenvermählungen und unzähligen Familienzusammenführungszeremonien. Die Anzahl unehelicher Kinder würde sprunghaft sinken; die prall gefüllten Asservate der Jugendämter würden merklich ausdünnen.

Auf die Frage, ob sich im Hinblick auf einen möglichen Zölibatsdispens bei uns im Land etwas verändern könnte, sprach der Papst deutliche Worte. Er antwortete mit einem Witz, indem sich zwei Priester über ein bevorstehendes Konzil unterhalten: 'Und einer fragt: wird ein neues Konzil den Pflichtzölibat aufheben?' Der andere gibt zur Antwort: 'Ich meine ja. Aber wir werden das nicht mehr erleben. Aber unsere Kinder'.  

Das Lotterleben unter den Priestern ist wohlweißlich bekannt; auch ganz oben in der Hierarchie. Dass seine Angestellten sich weitaus stärker der Sünde als der Buße zugezogen fühlen, bleibt auch dem Heiligen Vater nicht verschlossen. Alle sind sie aus Fleisch und Blut, und dort wo es diese äußerst lebendige Verbindung gibt, sorgen die Gene zum Überleben der Gattung. Warum ausgerechnet soll das bei Priestern anders sein?

Sie alle plagen sich mit dieser moralischen Bürde. 'Priester sprechen am liebsten über die Sexualmoral, das heißt über alles, was in irgendeinem Bezug zur Sexualität steht', bemerkt der Papst in seiner Publikation 'Offener Geist und gläubiges Herz' (Herder, 299 Seiten, 19,99 Euro). Die Geistlichen loten aus, was erlaubt und nicht erlaubt sei; fast alle von ihnen überschreiten dabei die von der Kirche gesteckten Grenzen.

Auch Priester können ihre Sexualität nur bis zu einem bestimmten Grad unterdrücken. Weil aber nicht sein kann was nicht sein darf, kommt dabei nicht selten total Verqueres an die Oberfläche. Dass sie bei der Beichte onanieren, ist eines der häufigsten und kleinsten Übel. Schlimm wird es, wenn sie ihrem gequälten Trieb an Kindern und Jugendlichen freien Lauf lassen. Was darüber in den letzten Jahren an die Öffentlichkeit kam, ist nur die Spitze des Eisbergs.

Sadomaso-Spiele im Vatikan; Gummipuppen im Pfarrhaus; Doppelleben als Transvestit; pikante Spielarten eines freien Sexuallebens die immer wieder bekannt werden. Der Klerus fördert durch Verbot die Lustfantasie seiner Angestellten. Mit ihrer Enthaltsamkeit werden sie gezwungen, das Leben und Leiden Christi nachzuexerzieren. Dass niemand von ihnen sein irdisches Dasein am Kreuz beenden musste, verdanken sie den vielen Ausnahmeregelungen, die die katholische Glaubenslehre ihren Mitarbeitern gewährt. 

Am Ende des Tages gehen auch die Priester zur Beichte. Man bittet um Vergebung - nach getaner Buße ist man frei von jeder Sünde.  Mit jeder Ablasshandlung beginnt einer neuer, sündenvoller Lebensabschnitt, und das hat ja auch was. Mit der Beichte verführen die Priester ihre Gläubigen zum Leben in der Lüge; richtig bigott wird es, wenn die Beichtväter selbst auf dem Stuhl der Sünde um Vergebung bitten. Ein Fass ohne Boden tut sich da auf.

Bevor wir uns in Blasphemie begeben, beenden wir das Füllhorn der Entsagung. In Bezug auf die Rechtsprechung während des 'Tausendjährigen Reiches' plakatierten einst in den 60iger Jahren Hamburger Studenten den Spruch: 'Unter den Talaren steckt der Muff von tausend Jahren'. Auf die Amtskirche der Katholiken abgeleitet, eine treffende Beschreibung.

Schönes Wochenende, und viel Spaß beim Fasten.

 

 

tags