Michael Schultz Daily News Nr. 874

Michael Schultz Daily News Nr. 874

Düsseldorf, den 19. Februar 2015

sich an der gestern begonnen Fastenzeit zu beteiligen, dafür gibt es viele Möglichkeiten. Wir berichteten darüber. Immer beliebter wird auch der vorübergehende Verzicht auf Fleisch; sechs Wochen unter die Veganer zu gehen, ein neuer Trend zur Buße.

Ein spannendes Thema, über das diejenigen, die nichts darüber wissen, am meisten erzählen. Vegan bedeutet für viele Entsagung der Lust, Kastration der Triebe. Ihre alles entscheidende Frage ist: dürfen Veganer eigentlich Schmetterlinge im Bauch haben?

Rund anderthalb Prozent aller Deutschen leben bereits vegan, 90% davon sind Frauen. Beliebt ist der Verzicht auf alles Tierische unter Jugendlichen. Den Wörterbüchern zufolge ist ein Veganer ein Mensch, der keine tierischen Produkte verzehrt oder benutzt. Bei der Ernährung werden Fleisch, Fisch, Milchprodukte, Honig und Eier rigoros ausgeschlossen, im Bereich Kleidung sind tierische Rohstoffe wie Seide, Leder und Wolle tabu. Kosmetika, Medikamente, Reinigungsmittel, Farben und andere Alltagsgegenstände dürfen keine tierischen Inhaltsstoffe enthalten und nicht in Tierversuchen erprobt worden sein. Auch das Halten von Haustieren sowie Zoo- oder Zirkusbesuche ist bei einigen Veganern verpönt.

Der Veganismus ging aus dem Vegetarismus hervor. Im deutschsprachigen Raum waren entsprechende Haltungen und Lebensweisen in der Gründerzeit innerhalb der Lebensreformbewegung und im Zusammenhang mit biozentrischen Ideen zu finden. Speziell in Deutschland war der frühe Vegetarismus mit der damaligen Freikörperkultur-Bewegung und mit unterschiedlichen politischen Ansätzen verbunden. Im anglophonen Raum hingegen waren pathozentrisch-utilitaristische Ansätze (das Leiden der Tiere in den Mittelpunkt stellend) führend und entsprechende Strukturen unter elitären Strömungen der Linken wie in den Frauenbewegungen verwurzelt.

Der Brite Donald Watson hat in den 1940er Jahren das Kunstwort 'vegan' geprägt. Abgeleitet wurde es von dem englischen Begriff 'vegetarian',  indem er die Anfangs- und Endbuchstaben miteinander kombinierte. Die Idee dahinter: Veganismus beginnt mit Vegetarismus und führt ihn zu seinem logischen Ende. Nach Watsons Ansicht müsse Vegetarismus weit über den bloßen Verzicht auf Fleisch hinausgehen. Um dieses Leitbild weiter zu verbreiten, gründete er im Jahr 1944 die Vegan Society.

Im Gegensatz zu anderen Mitgliedern der Vegetarian Society  leitet Watson den Begriff des Vegetariers nicht vom lateinischen vegetus ('lebendig, frisch, kraftvoll'), sondern vom englischen vegetable ('Gemüse, pflanzlich') ab. Der Verzehr von Milchprodukten und Eiern, wie von vielen Vegetariern praktiziert, entsprach nicht seinem Verständnis von Vegetarismus. Um jene Vegetarier zu bezeichnen, die auch Milchprodukte mieden, benutzte Watson zunächst den Terminus 'total vegetarian', was übersetzt  in etwa konsequenter, strenger Vegetarier bedeutet.

Eine vegane Lebensweise heißt für viele, durch verringerten Konsum ihren Beitrag gegen Massentierhaltung, Ausbeutung von Lebewesen und Umweltverschmutzung, CO2-Ausstoß und Regenwaldabholzung zu leisten.

Für schwangere Frauen, stillende Mütter, Babys und Kinder sowie ältere Menschen ist eine vegane Ernährung nur bedingt geeignet und sollte besser mit einem Arzt abgestimmt werden. Diese Personengruppen haben einen erhöhten Nährstoffbedarf, der sich mit rein pflanzlicher Kost nur gezielt bzw. schwer decken lässt. Gesunde Erwachsene mit guten ernährungsphysiologischen Kenntnissen können dagegen vegan leben, ohne dass es dem Körper an lebenswichtigen Nährstoffen mangelt. Allerdings ist es wichtig, bei der Speisenauswahl und -zubereitung auf eine ausreichende Nährstoffzufuhr zu achten. Anfänger sollten sich daher unbedingt kompetent beraten lassen.

Veganer mit Verzicht auf Fleisch- und Milchprodukte sollten vor allem ihren Bedarf an Vitamin B12 und Calcium sowie weiterer ernährungsphysiologisch wichtiger Stoffe im Auge behalten, regelmäßige Check-ups beim Arzt sind empfohlen. Gesundheitliche Probleme zeigen sich oft erst dann, wenn der Veganismus-bedingte Mangel schon stark ausgeprägt ist. Speziell angereicherte Lebensmittel und Nahrungsergänzungsmittel können aber die vegane Ernährung sinnvoll unterstützen. Calciumreiche Lebensmittel wie Sesamsamen, Nüsse oder Sojaprodukte gehören regelmäßig auf den Speiseplan, ebenso Brokkoli, und Ersatz für Vitamin B12.

Statistisch haben Veganer eine bessere Versorgung mit Ballaststoffen, meist eher höhere Eisenwerte (pflanzliches, reichlich genossen, wird besser vom Körper aufgenommen), bessere Magnesium- und Vitamin E-Level, aber bei der Versorgung mit Jod, Calcium, Kreatin und Vitamin B 12 oft Unterversorgung. Positive Folgen sind deren eher niedrigere Cholesterin- und Blutdruckwerte, geringere Neigung zu Übergewicht, zu Diabetes und weniger Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Sie haben laut Statistik den geringsten durchschnittlichen BMI und auch die niedrigsten Krebsraten.

Der Trend macht gerade ernährungsbewusste Vegetarierinnen zu einer wachsenden Konsumenten-Zielgruppe. Nach einer Marktanalyse im Auftrag von Plusminus (ARD) stieg der Umsatz von rund 50 ausgewählten veganen Lebensmitteln zwischen 2012 und 2014 um fast 40 Prozent auf über 22 Millionen Euro. Darunter waren auch viele Fleischersatzprodukte wie 'vegane Schnitzel' und 'vegane Entenbrust'.

2014 testete die Verbraucherzentrale Hamburg 20 für Veganer ausgelobte Lebensmittel. Es handelte sich um vorgefertigte Lebensmittel, überwiegend als Ersatz für entsprechende Produkte tierischer Herkunft. Im Vergleich wiesen die untersuchten Tierproduktalternativen auf pflanzlicher Basis bezüglich des Fett- und Speisesalzgehaltes zwar meist bessere Werte auf als die tierischen Pendants, aber zehn Produkte enthielten aus Sicht der Verbraucherzentrale immer noch einen zu hohen Anteil an Fetten, Salz und/oder gesättigten Fettsäuren. Außerdem wurden für viele der getesteten Fleisch-, Wurst- und Käsealternativen Aromen und Zusatzstoffe verwendet. Nach Einschätzung der Verbraucherzentrale wären die Herstellung oder ein 'annehmbarer Geschmack' in den meisten Fällen ohne einen größeren Einsatz von Zusatzstoffen nicht möglich

Der Trend zum Vegaismus hat sich in Hollywood längst ausgebreitet: Nathalie Portman, Brad Pitt und Bill Clinton sind angeblich bereits Veganer. In Berlin gibt es inzwischen mehrere vegane Supermärkte,  deutschlandweit sind es insgesamt fünf. 'Veganz' wurde von ehemaligen technischen Leiter des Automobilhersteller  Daimler-Benz  nach einem Burnout 2008 gegründet.

Die aktuelle Ausgabe des Berliner Stadtmagazins 'Zitty' titelt (am 19.2. 2015): 'Kein Schwein muß Tiere essen. Warum es einfacher denn je ist, in Berlin vegan zu leben.' Dort kann man lesen, dass angeblich unlängst im 'Spiegel.TV' Veganer mit Nazis verglichen wurden. Recht unklar scheint der Grad des Vegetarismus bei Hitler gewesen zu sein. Einer aktuellen Untersuchung des Oxford Internet Institute zufolge gehört der Artikel zum veganen braunen Diktator seit langem zu den Top Ten der meist diskutierten und geänderten Beiträge in der deutschen Fassung im Internetlexikon  Wikipedia. Die Debatte hält an, auch ohne historische Relevanz. Entweder wird die Ernährungsweise des Diktators als Beweis für seine seelische Verkommenheit betrachtet. Oder aber man meint, vegetarische oder vegane Ernährung gegen ihren Anhänger Adolf Hitler in Schutz nehmen zu müssen.

Die Zeit schreibt: Kommt drauf an, wie man Vegetarier definiert. Tatsächlich hat der Diktator zumindest nach 1930 kaum noch Fleisch gegessen. Das hatte wohl vor allem mit seinen chronischen Verdauungsbeschwerden zu tun,  Hitler wurde nach dem Essen oft von Krämpfen geplagt, und hat um dagegen anzugehen, nach und nach 'eine exzentrische Diät' entwickelt, die fast vegetarisch war. Müsli und Rohkost waren seine Hauptnahrung. Auch wenn andere Quellen von dem einen oder anderen Würstchen oder Täubchen berichten, kann man wohl sagen, dass Hitler sich vegetarisch ernährte.

Vegetarismus im Hinduismus ist noch komplizierter. Dort gibt es sehr viele sogenannte 'Sekten', die sich eindeutig für Gewaltlosigkeit (Ahimsa)  aussprechen und deren Mitglieder kein Fleisch essen. Nach der Ernährungslehre des Ayurveda sind neben Fleisch auch Eier, Knoblauch, Zwiebeln und andere Lebensmittel, die der Tamas-Kategorie angehören, nicht erlaubt. Milch und Butter wird, da sie von der im Hinduismus heiligen Kuh kommen, in vielen verschiedenen Varianten zu sich genommen.  Diese Ernährungsformen haben in Indien eine Jahrtausende alte Geschichte und haben mit einem 'Armutsvegetarismus' (den es in Indien wie überall auf der Welt und vor  der Massentierhaltung auch mal bei uns gab) nichts zu tun.

Durchschnittlich gibt es in Indien einen Verbrauch von 4 kg Fleisch pro Kopf und Jahr. Zum Vergleich: in Deutschland werden ca. 90 kg pro Jahr pro Kopf verbraucht.  Im Bundesstaat Rajasthan leben geschätzte 60-80% der Bevölkerung vegetarisch. Vegetarisch heißt aber in Indien wie häufiger lacto-vegetarisch, da viel mit Milchprodukten gekocht wird. Sojaprodukte wie Tofu etc. bekommt man in den größeren Städten in den Supermärkten für Reiche, ansonsten aber nicht.

Im Hinduismus gibt es viele verschiedene Strömungen, die sich sehr in den erlaubten/verbotenen Speisen unterscheiden. Es gibt so z.B. Hindus, die sich auf die Bhagavadgita berufen, in der sehr genaue Ernährungsregeln beschrieben werden. Lebensmittel werden in die Kategorien 'tamas' (Fleisch, Eier, Pilze, Essig,... lösen Trägheit im Körper aus, sollen nicht gegessen werden), 'rajas' (Zwiebeln, Tee, Kaffee, raffinierter Zucker,... sind stark anregend, sollen auch gemieden werden) und 'sattva' ('reine' Lebensmittel, Gemüse, Obst, Nüsse, Honig, Milchprodukte sollen bevorzugt gegessen werden) unterschieden. Demgegenüber gibt es aber auch wieder Hindus, die z.B. Anhänger der Göttin Kali sind, der Blutopfer dargebracht werden. Nachdem (ein stets männliches) Tier geopfert wurde, d.h. sein Blut auf dem Götterbildnis verspritzt ist, bekommt die Person, die das Tier gebracht hat, es wieder zum Verzehr zurück.

Die Kulturelle, aber auch medizinische Auseinandersetzung mit dem Verzicht auf Fleisch, bietet noch eine ganze Reihe weiterer Erklärungsansätze. Vieles von dem, was man dazu im Netz erfährt, leuchtet ein. Doch am Ende des Tages wollen wir uns doch nicht einreihen, weil das  Gehabe um vegane Lebensformen sektiererisch verbreitet werden, und uns ein Leben ohne Wenn und Aber eh nicht liegt. Der Blick über den Tellerrand ist es, der uns den Alltag so oft versüßt.