Michael Schultz Daily News Nr. 873

Michael Schultz Daily News Nr. 873

München, den 18. Februar 2015

die 'fünfte Jahreszeit' geht heute zu Ende, die Karnevalsaison wird beendet, hier und da noch kleinere Abschlussveranstaltungen, und dann ist Schluss. In Bayern zeigen sich die großen und kleinen Parteien noch einmal von ihrer rüpelhaftesten Seite. Nachhaltig geprägt wurde der Aschermittwoch vom einstigen CSU-Parteigranden Franz Josef Strauß, seine legendären Auftritte gehören zum Politkult des heutigen Tages. Niemand vor ihm und keiner nach ihm konnte Strauß in der Wortwahl zur Verleumdung seiner Gegner das Wasser reichen. Seine Beschimpfungen und seine Wutausbrüche, im Besonderen gegen die 'Sozis', erledigte Strauß grundsätzlich unterhalb der Gürtellinie. Die Fans haben getobt.

Heutzutage geht es ein wenig zivilisierter zu, besonders jetzt wo die Christsozialen in Berlin mit den Sozis in der Regierung sind. Das schützt zwar vor dem großen Angriff, aber kleinere Frotzeleien gegen den Koalitionspartner wird sich Horst Seehofer nicht verkneifen können. Wenn er richtig in Fahrt kommt, dann bleibt auch die Regierungschefin von der Beschimpfung nicht verschont.

Im katholischen Bayern beginnt heute aber auch die Fastenzeit. Der Winterspeck muss weg, und dafür gibt es verschiedene Ansätze sich daran zu beteiligen. Viele verzichten in dieser Zeit lediglich auf Alkohol, andere essen in der vierzig Tage anhalten Zeit des Verzichts nur abends. Dazwischen gibt es viele weitere Spielarten, sich an diesem religiösen Spektakel zu beteiligen, um sich durch Verzicht und Buße innerlich auf das Osterfest vorzubereiten.

Bis gegen Ende des ersten Jahrtausends hielt sich der Ritus der Bestreuung mit Asche als Zeichen der Buße, dieser wurde von allen Kirchenmitgliedern vorgenommen. Von ihm wurde letztlich der Name Aschermittwoch abgeleitet.

Die Anforderungen der Katholischen Kirche an die Fastenpraxis der Gläubigen sind in der 'Apostolischen Konstitution Paenitemini' aus dem Jahr 1966 festgeschrieben. Neben der Beachtung besonderer Speiseangebote werden auch andere Formen der Askese und Buße empfohlen. Die Gläubigen sind u.a. angehalten, das Gebet intensiver zu pflegen und vermehrt an Gottesdiensten und Andachten teilzunehmen. Ebenso sollen sie mehr Werke der Nächstenliebe verrichten, ihren Schuldnern vergeben und den armen Almosen zukommen lassen.  

Am 4. April ist die Fastenzeit beendet; wer etwas genauer in die Empfehlungen und Gebote der Kirchoberen hineinsieht, findet ohne große Phantasie Ähnlichkeiten zum Ramadan. Die Gesetze und Vorgaben dort allerdings müssen ohne Wenn und Aber eingehalten werden, da ansonsten Bestrafung droht. In vielen Religionen ist das Fasten zu finden, bei den alten Griechen diente es zur Reinigung des Körpers (Hippokrates). Fasten ohne religiösen Hintergrund ist die völlige oder teilweise Enthaltung von Speisen, Getränken und Genussmitteln über einen bestimmten Zeitraum hinweg. Üblicherweise für einen oder mehrere Tage. Das Wort kommt vom althochdeutschen fastēn, das ursprünglich bedeutet 'an den Geboten der Enthaltsamkeit' festhalten; auf nur bestimmte Genussmittel zu verzichten, heißt im Übrigen Abstinenz.

Der Nahrungsverzicht hat viele Facetten: es gibt beispielsweise ein Therapeutisches Basenfasten, in dem das Weglassen von Säurebildnern in der Nahrung vorgenommen wird. (Gut für die Gelenke). Mahatma Gandhi hat seine Ziele mit 'Politischem Fasten' propagiert, in dem er nicht nur fastete, sondern auch sexuelle Enthaltsamkeit praktizierte. Bei uns im Land haben die Verwahrten der RAF in sogenannten Hungerstreiks für die Verbesserung ihrer Haftbedingungen gekämpft; der Körper wurde zur Waffe.

Im Judentum sind Fastenrituale mehr eine Erinnerung an bestimmte historische Ereignisse: während des Passahfestes wird aus Erinnerung an den hektischen Auszug aus Ägypten kein gesäuertes Brot gegessen, und während Yom Kippur (Tag der Versöhnung, eigentliches Ende des jüdischen Neujahrsfestes) wird eine Frist von 25 Stunden ohne flüssige oder feste Nahrung gefastet.

Allgemein soll Fasten Körper und Seele reinigend ausgleichen, als spirituelles Ritual, und das ist quer durch alle Religionen vorzufinden. Außerhalb der religiösen Verordnung wird Fasten auch als Reinigungsprozess des Körpers verstanden, der zu einem höheren Wohlbefinden oder verbesserter Gesundheit führen soll. Seine vermuteten positiven gesundheitlichen Eigenschaften sind wissenschaftlich bei Rheuma der Gelenkkrankheiten gut belegt. Neben einigen älteren Kur- und Fastenformen (siehe Pfarrer Kneipp) haben sich im 20. Jahrhundert zahlreiche ärztlich begleitete Formen des Fastens mit erwünschter 'Entschlackung' oder 'Regeneration' von Körper und Seele etabliert. Gemeinsam ist diesen, dass sie einige Tage der Vorbereitung erfordern, eine gezielte Darmentleerung anstreben und täglich etwa drei Liter Wasser oder Tee zu trinken sind. Vorherige oder begleitende ärztliche Untersuchungen minimieren mögliche Risiken, und das Ende des Heilfastens wird behutsam gestaltet. Kliniken wie Buchinger oder aber der Lanserhof sind darauf spezialisiert, ihren Klienten auf den Weg der temporären totalen Enthaltsamkeit zu begleiten.

Gesunde Menschen können zwischen 30 und 200 Tage ohne Nahrung überleben, wenn genug Wasser zur Verfügung steht. Einige Hungerstreikende zum Beispiel haben 50 bis 70 Tage überlebt. Bobby Sands, ein IRA-Hungerstreikender, überlebte 66 Tage und das RAF-Mitglied Holger Meins im Jahre 1974 57 Tage, wobei er allerdings zeitweise künstlich ernährt wurde. Letztendlich starb er an den Folgen des Hungerstreiks.

In einer (wie immer) repräsentativen Umfrage des Forsa-Instituts wurde erhoben, dass mit 56% mehr als die Hälfte aller Deutschen eine mehrwöchige Fastenzeit für sinnvoll hält. 70% tranken in dieser Zeit keinen Alkohol; 64% verzichteten auf Süßes und 41% auf Fleisch. 40% haben das Rauchen für kurze Zeit eingestellt, 33% schalten Handy und Computer (27%) ab, und immerhin 15% lassen wahrend ihres persönlichen Fastens das Auto stehen. Eine Umfrage, die überrascht. Dabeisein ist alles, nach diesem Motto wird die religiöse Vorgabe recht individuell umgesetzt.

Wer allerdings wirklich hungert, der sollte in dieser Zeit einen großen Bogen um die Orte des Begehrens machen. 'Leerer Magen - voller Korb', so stand es gestern in der 'Süddeutschen'. Hungrig einkaufen zu gehen, sei keine gute Idee. Auch dann nicht, wenn es im Laden alles andere als Lebensmittel gibt. 'Knurrt nämlich der Magen, dann geben Kunden generell mehr Geld aus', so zumindest sieht es ein amerikanisches Forscherteam. 'Hunger erhöhe schlicht die Bereitschaft, Dinge zu erwerben, egal ob essbar oder nicht', berichten die Psychologen. In Experimenten wurde erforscht, dass Hungergefühle generell die Neigung erhöhen, Besitz zu erwerben. 'Appetit steigere die kognitive Leichtigkeit, mit der mentale Konzepte von Konsum oder Erwerb aktiviert werden'. 

Viele schlaue Worte, die uns jetzt in den Verzicht begleiten. Hungrig einkaufen, und diese Erfahrung hat jeder schon mal gemacht, füllt die Einkaufstüten. Wie aber können wir mit gefülltem Bauch, lust- und genussvoll der Begierde des Jagens und Sammelns nachgehen? 

Die alles entscheidende Frage.

Viel Spaß dabei.