Michael Schultz Daily News Nr. 871

Michael Schultz Daily News Nr. 871

Dresden, den 16. Februar 2015
 
heute ist Montag, und der Tagesbrief kommt aus Dresden. Nicht, dass da was anbrennt: der Grund der Reise ist die Ausstellungseröffnung von Burkhard Held in der dortigen Kunsthalle. Mit dem Montagstermin, der bewusst so gelegt wurde, stemmen wir uns gegen die Bewegung der Unverbesserlichen; auch ist es ein Versuch, die tolerante und stets freiheitsliebende Energie der Kunst gegen radikale Überreste der Vergangenheit in die Waagschale zu werfen. Nicht als Provokation eher als Begegnung zur Besinnung (Kunsthalle Dresden im art'otel, Ostra-Allee 33, 01067 Dresden, Eröffnung heute Abend ab 19 Uhr).

'Scholz triumphiert in Hamburg', steht heute auf dem Titel der 'Welt'. Auch wenn die SPD leicht abgeben musste, so wurde die gestrige Wahl zur Hamburger Bürgerschaft mit einem herausragenden Ergebnis gewonnen. Laut dem Statistischen Landesamt erhielt Olaf Scholz und seine SPD 45,7 %, die CDU hingegen verlor rund 6% und kam nur noch auf 15,9 %, ein historisches Tief in der Hansestadt. Die Linke erreichte 8,5 %, die FDP 7,4 %, und das ist die eigentliche Sensation der Hamburger Wahl. Mit einem geschickten und lange angelegten recht unkonventionellen Wahlkampf, der an die besten Zeiten unter Guido Westerwelle erinnert, haben die Liberalen nach langer Durststrecke mal wieder die Rückkehr in ein Landesparlament geschafft. Die Grünen, womöglich der Koalitionspartner der SPD, erreichten mit leichtem Plus 12,2 %. Zur absoluten Mehrheit fehlen der SPD drei Stimmen. 6,1 % erreichte die AfD in Hamburg aus dem Stand und schaffte damit erstmals den Sprung in ein westdeutsches Landesparlament. 
 
In Hamburg hatte man das Wahlalter auf 16 Jahre herabgesetzt; trotz dieser Maßnahme gingen nur 54,5% an die Urne. So wenig wie noch nie in der Hansestadt. Mit seiner fulminanten Bestätigung empfiehlt sich Olaf Scholz auch für höhere Aufgaben in der Bundespolitik. Die SPD täte gut daran, rechtzeitig Alternativen für eine Spitzenkandidatur zur Bundestagswahl 2017 durchzuspielen. Mit Sigmar Gabriel haben sich die Sozialdemokraten in den Umfragen bei 24% festbetoniert. Frischer Wind schadet nie.
 
Wäre der HSV gestern auf dem Wahlzettel gestanden, hätten selbst die engsten Fans den Fußballern die Stimme verweigert. Mit 0:8 gingen sie bei den quicklebendigen Bayern unter; ein Ergebnis, das gar den Rest der Liga erschütterte. Noch liegen sie in der Tabelle außerhalb der Abstiegsränge, aber gefährlich nahe daran.
 
Dort tummeln sich der VFB Stuttgart und die Berliner Hertha; in die Relegation müsste nach heutigem Stand der SC Freiburg. Kennern zeigt der Blick auf die Bundesligatabelle gleichzeitig auch ein Sittenbild der Vereinsführung. Ganz unten stehen mit Stuttgart und Berlin zwei Vereine, die es über Jahre nicht verstanden haben, ihre Kader für die Zukunft strategisch zu entwickeln, Flickwerke, deren Auswirkungen der derzeitige Tabellenstand wiedergibt. In Stuttgart hatte man mit der Entlassung des Managers Fredi Bobic vor einiger Zeit die Reißleine gezogen, doch zu spät. Die Berliner Hertha hingegen hält mit aller Kraft an ihrem Manager Michael Preetz fest; man ist schon zwei Mal mit ihm auf- und abgestiegen und wird das auch ein drittes Mal schaffen. Stoisch hält der Hauptstadtclub an diesem Versager fest; seine Familienbande zum Präsidenten sichern dem gnadenlos überforderten Sportchef Jobgarantien, die nur noch in Altverträgen des antiquierten Beamtenrechts zu finden sind. 
 
Na ja, jeder macht es halt so, wie er es kann. Dass frischer Wind Wunder bewirkt zeigen die Ergebnisse in Bremen, die Mannschaft hat bisher jedes Spiel in der Rückrunde gewonnen und sich von einem Abstiegsplatz kontinuierlich auf den 8. Tabellenplatz vorgearbeitet. Auch die Frankfurter Eintracht scheint unter Thomas Schaaf zu alter Stärke zurückzufinden. Mit dem 1:0 gegen Champignons League Teilnehmer Schalke 04 festigten sie ihre gute Mittelfeldposition.  
 
Prognosen für die Meisterschaft sind überflüssig: der FC Bayern wird es werden. Einzig die Frage, wann das geschehen wird, ist noch offen. Hartnäckiger Verfolger ist der VW-Betriebsclub aus Wolfsburg; in einem bis zur letzten Sekunde anhaltenden spannenden Match wurde die andere Betriebssportgruppe von Bayer Leverkusen besiegt. Damit wurde der Abstand zu den Münchnern mit 8 Punkten gehalten. Die Gladbacher, dort wo mit Lucien Favre wohl der beste Trainer der Liga arbeitet, haben sich nach dem 1:0 im rheinischen Derby gegen die Kölner Geißböcke auf Platz 3 geschoben. Eine Position, die am Ende der Saison für die Königsklasse reichen würde.
 
Heute feiern die Jecken ihren Rosenmontag. In Köln und Düsseldorf bleiben die Geschäfte weitgehend geschlossen, in den Innenstädten sind die Schaufenster vernagelt; man geht auf die Straße und feiert Karneval. Rund 450 Tonnen Süßigkeiten werden ins Volk geworfen, eine Geste, über die man gerne mal nachdenken könnte. Aber lassen wir den Verrückten ihren Spaß; was viele andere bei uns im Land jeden Tag machen, konzentriert sich im katholischen Rheinland eben auf die Jeckenzeit. Hat ja auch was.

Helau, Alaaf, Ahoi, Ajoo, Alla Hopp und Wo Na,

Michael.