Michael Schultz Daily News Nr. 870

Michael Schultz Daily News Nr. 870

Paris, den 13. Februar 2015

mehr als 17 Stunden dauerten von Mittwoch auf Donnerstag die Friedensverhandlungen in Minsk. Am Ende stehen zumindest ein Kompromiss, und eine zaghafte Hoffnung auf einen länger anhaltenden Frieden. Angela Merkel sieht in den getroffenen Vereinbarungen einen Hoffnungsschimmer, spricht aber auch von großen Hürden, die noch auszuräumen seien. Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier hingegen gibt offen zu: 'Wir hätten uns mehr gewünscht.'

Nach Angaben von Kremlchef Wladimir Putin als auch der Bundesregierung ist eine Einigung über eine Waffenruhe für das Kriegsgebiet um Donbass erzielt worden. Sie soll ab diesem Sonntag um Mitternacht in Kraft treten, verlautete es gestern aus dem Verhandlungsort in der weißrussischen Hauptstadt Minsk.

Auch sei ein Abzug schwerer Waffen vereinbart worden. 'Waffenstillstand ab 15.2. Null Uhr, dann Abzug der schweren Waffen', veröffentlichte  Regierungssprecher Seibert  im Kurznachrichtendienst Twitter. 'Darin liegt Hoffnung.' Auch die Kanzlerin sprach von einem Hoffnungsschimmer. 'Ich habe keine Illusion, wir haben keine Illusion: Es ist noch sehr, sehr viel Arbeit notwendig. Es gibt aber eine reale Chance, die Dinge zum Besseren zu wenden', sagte sie. 'Und es werden noch große Hürden vor uns liegen', ergänzte sie. Es gebe aber deutlich mehr Hoffnung, 'als wenn wir nichts erreicht hätten. Deshalb kann man sagen, dass sich diese Initiative gelohnt hat.' Die Welt hofft mit und wünscht sich nichts mehr als eine langanhaltende Waffenruhe.

Bei uns sah es gestern um die Mittagszeit noch aus wie auf dem abgebildeten Foto. Um die gerade zu Ende gegangene Ausstellung des Koreaners Lee Lee-Nam verfrachten zu können, mussten die Schaufenster ausgebaut werden, sonst hätten die beiden Skulpturen nicht aus den Ausstellungsräumen verbracht werden können. Das sieht immer recht spektakulär aus, ist aber in unserem Alltag nichts wirklich Besonderes.

Überhaupt hatten wir gestern einen Großkampftag, neben dem Abtransport der vergangenen Ausstellungen wurden die Kunstwerke für die Armory Show in New York, die Art Karlsruhe sowie eine  Ausstellung des aserbaidschanischen Künstlers Arif Aziz  (Messmer Foundation / Riedel / Kaiserstuhl) abgeholt. Die Logistik erfordert gewissenhafte  Vorbereitungen und hochkonzentriertes Vorgehen. Da muss jeder Handgriff stimmen, tut es das nicht, landen die Kunstwerke sonstwo, nur nicht dort, wo sie benötigt werden. Alles schon mal passiert.


Bénédicte Peyrat: Liberté - Egalité - Fraternité, 2012, Acryl auf Leinwand, 162 x 130 cm

Morgen eröffnen wir mit 'Mauvais genre'  die zweite Einzelausstellung der aus Frankreich stammenden und in Karlsruhe lebenden Malerin Bénédicte Peyrat. Ihre Gemälde und Fayencen  entziehen sich allen gängigen zeitlichen Einordnungsversuchen. Die  Malerei ist in üppigen, breiten Pinselstrichen angelegt, mit kraftvollen Farbtönen -  und in vielen ihrer Bilder auch in altmodisch anmutenden Grisaille-Schattierungen. Oft unbekleidetes Bildpersonal mit barocker Körperfülle und bäuerlichen, bisweilen derben Gesichtszügen tummelt sich in allegorischen, ebenfalls nicht verortbaren, saftigen Landschaften. In einer großen Werkserie entstand so eine Versammlung von unbekannten Charakterköpfen in klassischer Portraitmanier; einerseits altmeisterlich, dennoch  gleichzeitig amüsant und mit ironischem Lächeln in den Gesichtszügen vieler der Dargestellten.  www.schultzberlin.com/de/node/4257


Umberto Chiodi: CROSSAGE XVIIII, 2013, 100 x 70 cm, Mischtechnik auf Karton

In der contemporary Galerie eröffnen wir 'CROSSAGE' mit Werken des Mailänder Künstlers Umberto Chiodi; seine dritte Einzelausstellung in unserem Hause. 'Alles was industriell oder praktisch hergestellt wird, konfrontiert direkt die Fähigkeiten, die Gegenwart und die Grenzen des Menschen und das ist es, was mich interessiert' so der Künstler.  In seiner  'CROSSAGE'-Serie verwischt  Chiodi  die Grenze zwischen Kunst und Handwerk. Er mischt Collagen, Einlegearbeiten,  Schnitzereien und Fotos zu einem energiegeladenen visuellen Lexikon. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf selbstangefertigtes Marmorpapier,  dessen Oberfläche faszinierende, unterschiedlichste Strukturen verbirgt. Mit Tinte eingezeichnete Texturen beziehen sich auf moderne Verkehrszeichen, aber auch auf die Verzierungen antiker und aus der Mode geratener Tapeten. Chiodi will mit seiner Werkserie die fortwährende Bilderflut der wir in der heutigen Welt ausgesetzt sind, eindämmen. Im künstlerischen Schaffen und Denken verweigert den Anspruch an die Realität, er arbeitet mit der Idee, visuelle Informationen die reich an kulturellem Background sind, aufzudecken und sichtbar zu machen. Fundstücke aus Fotos, Magazinausschnitten und unterschiedlichen Papieren werden zur Poesie des Alltags. Im Ergebnis entstehen zauberhafte Bilder, die uns verführen und uns zumindest für den Moment glauben lassen, dass die Welt ein wunderbares Antlitz hat.  www.schultzberlin.com/de/node/4274

Ein chinesisches Sprichwort sagt: 'Frauen tragen die Hälfte des Himmels'. Ein früher Hinweis auf die gleichberichtigten Fähigkeiten der weiblichen Erdenbewohner; aber auch ein zartes Signal zur Quote. Am Rande der Berlinale diskutiert gerade eine Gruppe von Filmschaffenden für mehr Frauen am Set. Das ist gut so. In der Malerei setzen sich die starken Frauen immer mehr durch: mit Cornelia Schleime, SEO, Rebecca Raue, Annette Merrild, Sabina Sakoh, Sonja Alhäuser, Monika Sigloch und jetzt Bénédicte Peyrat ist die eine Hälfte des Himmels schon gut besetzt. Auf der anderen hat Umberto Chiodi sein Plätzchen gefunden, und das ist auch gut so. Wieder einmal haben wir es geschafft, zwei spannungsreiche Positionen aus der (unterschiedlichen) Welt der Geschlechter zusammenzufügen. Eröffnung morgen, am Valentinstag, zwischen 19 und 21 Uhr. (Mommsenstraße 34, 10629 Berlin)

Bei der Auflagenbezeichnung einer Richter-Edition ist uns gestern ein Fehler unterlaufen: nicht nur wie genannt 227 Exemplare gibt es von der Edition 'Abstraktes Bild (P1)', es sind 500 (!). Umso erstaunlicher das Ergebnis von knapp 52.000 Euro dafür. Christie's hatte gestern mit seiner Tagesauktion in London nochmal gut nachgelegt: für eine kleine, unbetitelte Leinwand (61 x 61 cm/1986), einst in unserem Besitz,  wurden gute 260.000 US-Dollar bewilligt. Für die Nummer 37 aus Gerhard Richter 'Fuji'-Serie sind 460.000 US-Dollar geboten, und für eine kleinformatige Papierarbeit (33 x 55,9 cm/2000) des Leipziger Malerstars Neo Rauch werden mit 181.000 belegten US-Dollar das Dreifache der unteren Schätzung auf den Tisch gelegt. Das Preisniveau des Kölner Überfliegers David Ostrowski wurde zweimal zur unteren Schätzung bestätigt; eine wohl sanfte Rückkehr in die Realität.

Alles in allem ein guter Jahresauftakt. Der Kunstmarktboom hält kräftig an; wegen der langanhaltenden Hausse werden die Unkenrufe immer leiser.

Obacht, heute ist Freitag der 13.