Michael Schultz Daily News Nr. 869

Michael Schultz Daily News Nr. 869

Berlin, den 12. Februar 2015

während in der Ostukraine trotz laufender Friedensverhandlungen die kriegerischen Handlungen anhalten, die Amerikaner mit steigender Vehemenz Stellungen des IS bombardieren, ja jetzt sogar laut darüber nachdenken, Bodentruppen zum Einsatz zu bringen; während die Welt ein wenig aus den Fugen zu geraten scheint, zieht der Kunstmarkt unerschrocken seine Kreise und hangelt sich mit beschwingter Leichtigkeit von Rekord zu Rekord. 

Die 41 Millionen Euro, die am Dienstagabend für einen kapitalen Gerhard Richter bei Sotheby's in London erzielt wurden, gingen gestern wie ein Lauffeuer über den Äther. Im Stundentakt der Nachrichtensendungen wurde, neben den Schreckensmeldungen aus den Krisengebieten, der 'neue Weltrekord für Werke eines lebenden Künstlers' bekanntgegeben. Eine wahrlich bizarre Mischung kam da zusammen. Die Richter-Meldung, und das war das einzig Gute an der gestrigen Nachrichtenlage, die Richter-Meldung übernahm die frohe Botschaft, die sonst eigentlich dem Wetterbericht vorbehalten ist. So gesehen, trotz schlechter Wetteraussichten, sehr gute Nachrichten für den Kunsthandel.

Bei den Auktionen die gestern durchgeführt wurden, bestätigte sich der (Richter) Trend: Christie's erzielte gestern Abend mit 63 ausgerufenen Losen total 117.142.500 Britische Pfund, das entspricht rund 157 Millionen Euro. In Summe 9.5 Mio. weniger als bei Sotheby's am Tag zuvor, dort allerdings wurde der höhere Umsatz mit einem größeren Angebot gemacht. Unterm Strich sind die Ergebnisse identisch. 

Wiederum waren es die Lose deutscher Künstler, die auch bei Christie's zu dem guten Gesamtergebnis führten: an der Spitze, wie kann es anders sein, eine Gerhard Richter-Draufsicht auf den 'Vierwaldstättersee' aus dem Jahre 1969. Die grau in grau gehaltene 120 x 150 cm große Verwischung schaffte es auf anständige 15.8 Mio. GBP, das entspricht rund 21,3 Mio. Euro. Zwei weitere Arbeiten von ihm erfüllten ihre Preiserwartungen, ein wichtiges Indiz für ein stabiles Preisfundament. 

Aber auch die Ergebnisse anderer Kunst aus Deutschland können sich sehen lassen: 'Vater Staat' die sockellastige Bronzeskulptur von Thomas Schütte schaffte es auf beachtliche 782.500 GBP;  eine Auflagenarbeit, von der 6 Güsse gefertigt wurden. Albert Oehlens 'Abstact Painting IV' (200,5 x 200,5 cm/1987) bekam den Zuschlag bei rund 630.000 GBP, mithin das Doppelte der untersten Schätzung. Zwei Frühwerke von Georg Baselitz erreichten für 'Malermund' (162,3 x 130cm/1966) etwas mehr als eine Million Pfund, und für das etwas kleinere Werk 'Kuh' aus dem Jahre 1967 mit 460.000 GBP knapp die untere Schätzung. Für eine kapitale Großleinwand von Neo Rauch mit dem vielsagenden Titel 'Reaktionäre Situation' (210 x 400 cm/2002) wurden mit 938.500 GBP das Anderthalbfache der unteren Schätzung bewilligt. Sigmar Polke erfüllte für ein unbetiteltes kleinformatiges Triptychon von 2001 mit etwas mehr als 930.000 GBP ebenfalls die Erwartungen.

Gute bis sehr gute Ergebnisse; nichts aus dem deutschen Angebot blieb liegen. Überhaupt gab es gestern Abend nur wenige Rückgänge, darunter eine raumgreifende (dreiteilige) Stahlskulptur von Eduardo Chillida. Toplos des Abends wurde ein Mittelformat aus der 'Blackboard'-Serie von Cy Twombly (1970), die mit 19.7 Millionen British Pounds das höchste Gebot erhielt.  

Auch beim 'Daily Sale' von Sotheby's wurde bestätigt, was die Abendauktionen mit ihren weitaus qualitätvolleren Losen angedeutet haben: die Preise für kleinere Papierarbeiten und Editionen von Gerhard Richter steigen stetig, und das auf hohem Niveau. Für eine Aluplatte aus der 'Fuji'-Edition wurden 490.000 Euro bewilligt; der Nachdruck einer Abstraktion von 1990, auf Aludibond aufgezogen und 227-fach verlegt, kletterte auf sagenhafte 51.789 Euro; das Zehnfache der Schätzung. 

Aber auch die Preise für Joseph Beuys zeigten sich äußerst stabil. Andy Warhol erfüllte die Erwartungen; Polke verdoppelte; Heinz Mack verfünffachte; die 'Victoire de Samothrace' von Yves Klein, insgesamt wurden davon 200 Güsse gefertigt, Erreichte mit 232.000 Euro annährend das Vierfache der unteren Schätzung.  Maria Lassnigs kleinere Leinwand 'Eingebettet - Ausgesetzt' schaffte es spielend von 80 auf knapp 250.000 Euro; und für 'Cold Blooded' (58 x 43 cm/2004) von Peter Doig wurden mit 1.6 Mio. Euro das Dreifache des Ausrufs erzielt.

Im eher nicht so starken Angebot der Tagesauktionen sind die Rückgangsquoten ein wenig höher; unter ihnen Werke von Cindy Sherman, George Condo, Matthias Weischer und Thomas Scheibitz. Doch das tut dem Markt für diese Künstler keinen Abbruch, es wird nicht lange dauern, dann tauchen diese Werke bei der Konkurrenz auf, und erzielen ein Mehrfaches der gewünschten Vorstellungen.  

Der Kunstmarkt wird zwar immer berechenbarer, wenn aber 370 Lose in einer stundenlangen Auktion durchgepeitscht werden, werden die Arme der Bieter müde, und dies schadet der Stimmung und letztlich auch dem Ergebnis. Der Gier des Marktes werden die Auktionshäuser gerecht, prallgefüllte, kiloschwere und kaum händelbare Kataloge werden zu Hauf gedruckt und in alle Ecken der Erde versandt. Die Menge der Bieter steigt und steigt, und die Anzahl der Länder aus denen sie kommen auch. Und, es ist noch lange kein Ende in Sicht. 

Auch bei uns machen sich die positiven Auktionsergebnisse bemerkbar; 985 Klicks gestern auf unserer Webseite, und das an einem Tag, beweisen den Run auf gute Kunst.