Michael Schultz Daily News Nr. 866

Michael Schultz Daily News Nr. 861

Berlin, den 9. Februar 2015
 
 
es gibt Orte, die hat man gesehen und will dort nie wieder hin. Jeder von uns hat diese Erfahrung schon mal gemacht. Dagewesen und 'abhaken‘, so die Begrifflichmachung dieser nichtssagenden Begegnungen. Es gibt aber auch Erlebnisse, die fest in unseren Gefühlen eigenistet, uns geradezu magisch dorthin zurückziehen, wo wir von den Eindrücken überwältigt waren. Oft spüren wir schon mit dem ersten Blick, mit dem ersten Geruch, mit den ersten Worten, ob das was wird.
 
Aufregend wird es, wenn das erste Gefühl weder Ablehnung noch Zuspruch ableitet. Diese Orte lässt man erst mal auf sich einwirken, ja, muss sie gar ein wenig erobern.
 
Im nördlichen Ruhrgebiet, umgeben von Dorsten, Bottrop, Herne, Bochum, Gelsenkirchen, Oberhausen, Recklinghausen und Bochum, liegt im Regierungsbezirk Münster die 'große kreisangehörige Stadt' Gladbeck. Nichts Aufregendes, zumindest nicht auf den ersten Blick. Die Schauspieler Achim Rohde und Rudolf Kowalski kommen dort her, aber auch die Fußballstars Julian Draxler und Pierre Michel Lasogga. Das war‘s dann auch schon, könnte man meinen. Doch weit gefehlt.
 
Zwischen der Polizeistation, einem ehemaligen Gefängnis, dem Finanzamt, der Sparkasse und dem Amtsgericht liegt dort der 'Jammerkrug'. Ein Restaurant mit bodenständigem Angebot und einer Hoteletage mit vier passabel ausgestatteten Gastzimmern. 'Starke Steaks & Feine Küche', so steht es in der Werbebroschüre, und damit da ja nichts schief geht, sind der Slogan und die Abbildungen dazu urheberrechtlich geschützt. Auch das ist auf dem Flyer vermerkt.
 
Die Leute dort in Gladbeck, berichtet der Wirt, kommen in der Regel früh zum Essen. 'Schon ab 17 Uhr geht es bei uns los', sagt er voller Stolz. Wer ein wenig früher kommt, erlebt eine musikalische Zeitreise in die Blütezeit des deutschen Wirtschaftswunders. Aus der Endlosschleife erklingen die Schmusesongs von James Last, Bert Kaempfert, Helmut Zacharias und Richard Clayderman. Die Musik unserer Eltern klingt aus dem Off, und weil wir ja auch nicht mehr zu den Jüngsten zählen, erkennen wir die Titel: 'Arrivederci Roma' und 'Spanish Eyes', in dem bekannt langsamen und in die Breite gezogenen Arrangements von James Last. Dazu eine Hommage an Beethoven vom wohl schönsten Pianisten vor Lang Lang: Die 'Sonata claro de Luna' in der Interpretation von Richard Clayderman; der 'schwarze Zigeuner' von Helmut Zacharias, gespielt in tiefer Verbeugung an die musikalische Begabung des ansonsten wenig geliebten Wandervolks. Bert Kaempfert triumphiert mit seinen Gute Nacht Songs 'Strangers in the Night' und 'Wonderland by Night'. Und natürlich sozusagen als Krönung ein 'Ave Maria' und die 'Schiwago Melodie' wiederum vom Herzensbrecher Last.
 
Viele dieser Titel hörten wir als Kinder zu Hause mit, weil aber unsere Musik eine andere war, war dies ein no go. Trotzdem werden Erinnerungen wach, und um in ihnen schwelgen zu können, ist es gar nicht schlecht, wenn man so etwas heutzutage alleine hört. Gut, dass der Gastraum noch leer war, es war zeitig vor fünf Uhr, und die Musik war sehr leise eingestellt. Das erforderte ein konzentriertes Hören, und weil dieses unbeobachtet möglich war, wurde daraus ein Erlebnis der besonderen Art. Zum Studium der Speisenkarte ein Konzert aus der Frühzeit des Pop; im 'Jammerkrug' zu Gladbeck. Besser geht es kaum noch.
 
Seit 1925 schon gibt es ihn schon, den 'Jammerkrug'. Seinen Namen bekam er von den umliegenden Behörden, die noch heute viel Anlass zum Jammern geben. Das Angebot in der Speisenkarte reicht vom 'Damen-Toast' (Schweinefilets und Champignons mit Käse überbacken), über Reichhaltiges aus der serbischen Küche, (Cevapcici, Raznijici, Balkan Grillteller) bis hin zur gehobenen Küche mit dem rosa gebratenen Hüftsteak (200 gr.), dazu gibt’s gegrillte Gambas und zwei 'Feinschmecker Soßen'. Beilagen, die außer der Reihe bestellt werden, müssen extra bezahlt werden: Für eine Portion Kroketten, Butterreis oder Pfeffer Sauce berechnet der Wirt je zwei Euro fünfzig. Nach dem Essen trinkt man was Klares; am Nachbartisch allerdings wurde über Cointreau oder Eierlikör nachgedacht. Nach einem Hühnerfrikassee wohl bemerkt.
 
Der Wirt kommt ursprünglich aus Serbien, besitzt seit langem einen deutschen Pass und ist wie fast alle in dieser Gegend fanatischer Anhänger von Schalke 04. Wenn die Knappen spielen, wird vor dem 'Jammerkrug' die Vereinsflagge gehisst. Der Fußballclub hat hier eine nicht zu unterschätzende soziale Funktion. Unzufriedenheit und Frust werden bei der Mannschaft abgelassen; Siege wiegen wie Psychodoping. Auch die Abgeklärten verarbeiten so ihren Alltag. Schalke ist hier alles, und alles ist hier Schalke. Auch das hat was.

 

Gegen ein Heimspiel der Königsblauen anzukommen, ist zu gut wie unmöglich. Der Konzert- und Veranstaltungskalender richtet sich grundsätzlich nach dem Spielplan der Kicker. Mutig deshalb war die Ansetzung der SEO Ausstellung in der 'Neuen Galerie' -  keine 12 Kilometer weiter spielte gleichzeitig Schalke gegen Mönchengladbach. Doch, um es gleich vorweg zu nehmen, die Eröffnung war überbordend gefüllt. Sogar der Sparkassendirektor kam und lies bei diesem wichtigen Spiel seinen Stadionstammplatz für diesen Abend verwaist. SEO, aber auch der Mut der Lenker des renommierten Ausstellungsortes, traten gegen die Schalker Übermacht an - und siegten. Beide, auch das Stadion, waren ausverkauft. Die Mannschaft siegte verdient mit 1:0, und SEO lieferte mit ihrer Glockeninstallation eine Ausstellung ab, 'die', so der Gebäudearchitekt 'nicht besser für diesen Bau hätte geschaffen werden können'.
 
Die 'Neue Galerie Gladbeck' gehört zu den ganz wichtigen bei uns Land. Ein Blick in den Ausstellungskalender, und die hohe kuratorische Qualität wird sofort erkennbar: Wilhelm Mundt, Slavomir Elsner, Cornelia Schleime, Andre Butzer, Thomas Scheibitz, Eberhard Havekost, Frank Nitsche, Cindy Sherman, Maik Wolf, Pia Fries, und jetzt nach SEO (die dort bereits zum zweiten Mal aufschlägt) folgt eine Ausstellung von David Schnell, dem womöglich interessantesten Maler der Leipziger Schule.
 
Vor geraumer Zeit, im Jahr 1988 begann in Gladbeck eines der aufsehenerregendsten Geiseldramen unseres Landes. Das Gangster Duo Dieter Dombrowski und Hans-Jürgen Rösner nahm nach einem Banküberfall Geiseln, das ganze Drama konnte live per TV-Übertragung mitverfolgt werden. Am Ende starben bei dem schrecklichen Verbrechen drei Menschen. Nicht Gladbeck ist als Tatort in Erinnerung geblieben - der Audi, mit dem die Gangster durch die halbe Republik flüchteten, wurde zum Synonym des in die Geschichte eingegangen Gladbecker Geiseldramas.
 
Viele Jahre später, so zumindest erweckt es den Eindruck, beweisen sich die Gladbecker tagtäglich selbst, dass man mit qualitätsorientierter und zielgerichteter Kulturpolitik (Kunst, Sport, Kulinarisches) keine Besorgnis vor der Entfremdung des Abendlandes haben muss. Von den rund 75.000 Einwohnern gehören rund zwei Drittel den beiden großen Religionsgemeinschaften an. Vom letzten Drittel bekennt sich die große Mehrheit zum Islam. Ein aufrichtiges Miteinander, von Ressentiments ist nichts zu spüren. Allenfalls die aus Sachsen stammenden Vernissage Gäste äußern beim After Opening Dinner Bedenkliches.
 
Montagabends geht es in Gladbeck in den 'Jammerkrug' und nicht auf die Straße. Der Wirt dort im Übrigen ist ein gutes Beispiel von gelungener Integration. Man muss wollen - und dort in Gladbeck tut man dies.
 
 

 

 

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