Michael Schultz Daily News Nr. 864

Michael Schultz Daily News Nr. 864

Berlin, den 5. Februar 2015

die neue griechische Regierung bereist derzeit Europa. Zu Antrittsbesuchen der Ministerpräsident, zum Provozieren der Finanzminister. Beide fliegen Linie und sitzen in Economy, das überzeugt und kommt nicht nur zu Hause gut an. In der Heimat werden Regierungschef Tsipras und sein unermüdlicher Finanzminister Varoufakis wie Popstars gefeiert. Ihre gradlinige Ansage an die europäischen Geldgeber, insbesondere an die Mitglieder der Troika, die in Griechenland die Sparauflagen der EU kontrollieren und überprüfen, schafft neues Selbstbewusstsein für die in den letzten Jahren schwer gebeutelten Griechen.

Nicht alles was sie so von sich geben, ist diplomatisch ausgegoren und dient ihrer Abhängigkeit von der europäischen Muttergesellschaft. Sie tun es dennoch, und wirbeln dabei so manche verkrustete Regularie auf. Ihre Verweigerung zur Zustimmung weiterer Strafmaßnahmen gegen Russland wurde sofort nach Bekanntwerden der gewonnenen Wahl veröffentlicht. Bei wichtigen Entscheidungen votiert Europa einstimmig, doch damit ist es jetzt erst mal vorbei.

Europas Chef-Diplomaten reagieren empört über das saloppe Auftreten ihrer Hauptschuldner. Es wird zurückgeschossen: die Europäische Zentralbank (EZB) will künftig den griechischen Banken gegen die Sicherheit von Staatsanleihen kein Geld mehr geben. Damit wird der Geldhahn zugedreht, und die Anti-Europastimmung in der  Bevölkerung weiter angeheizt. Die Griechen benötigen Geld, das steht außer Frage. Sie benötigen es vorrangig, um Wachstum zu schaffen und nicht um ihre Schulden zu begleichen. Im Kern ist dies der Streit um Positionen der Konsolidierung. Die Absage an die Banken begründete der EZB-Rat damit, dass derzeit nicht mehr mit einem erfolgreichen Abschluss der Überprüfung des Reformprogrammes gerechnet werde. Im Klartext heißt das, entweder Kontrolle über die Troika oder eben kein Geld mehr.  

'Friss oder stirb', so sehen die diplomatischen Fähigkeiten europaeischer Spitzenpolitiker aus. Das kennen wir auch im Umgang mit den Russen; augenblicklich wird derart laut über Waffenlieferungen in die Ukraine nachgedacht, die jede weitere Gesprächsrunde ad absurdum führt. (Im Ukraine-Konflikt ist Vieles im Argen geblieben, was Diplomatie mit friedens- und ergebnisorientierter Weitsicht verhindert hätte.) 

Heute trifft sich der griechische Finanzminister mit Wolfgang Schäuble. Varoufakis erinnert die Deutschen an den Marshall-Plan, ohne den das Land nicht zur heutigen Blüte aufgestiegen wäre. Unsere Kanzlerin würde sich noch fester in der Geschichte Europas verankern, wenn sie sich in einem Merkel-Plan für die Sicherung der Staatsautonomie Griechenlands einsetzen würde. Aber vielleicht will sie gar kein starkes Griechenland. Solange von dort keine innovativen Produkte auf den Markt kommen, sichern wir uns unsere europäische Exporthoheit. Doch mit Schafskäse, Olivenöl und Feigenpaste alleine schaffen es die Griechen nicht. Im Schuldenstreit solle Nationalismus vermieden werden, sagte Varoufakis in der ARD, 'wir sind der erste Dominostein, der gefallen ist, aber wir sind nicht für den Dominoeffekt verantwortlich', dies liege ausschließlich im Verantwortungsbereich europäischer Staatschefs.
Damit gibt er den Ball zurück; es wird ein heißer Fight um die richtigen Formulierungen und vor allem um die richtigen Konzepte. 

 

Globale Zusammenhänge zu entzerren, ihre manchmal verheerenden Auswirkungen offenzulegen, nationale Identitäten neu definieren oder gar Welten schaffen, die weit entfernt von Realitäten angesiedelt werden, ist das Kernthema im künstlerischen Werk von SEO. Morgen Abend eröffnet die angesagte 'Neue Galerie Gladbeck' eine Ausstellung, in der zwei Komplexe aus ihrer aktuellen Arbeit gezeigt werden. In der Rauminstallation 'Das Gefühl in meinem Inneren' (siehe Foto) greift sie ganz tief den Konflikt der beiden Kulturen die in ihrem Herzen schlagen auf. Auch hier versucht sie zusammenzufügen was eigentlich gar nicht geht: die 'Wir'-Sozialisation ihrer koreanischen Heimat mit dem 'Ich'-Menschen unserer. Dazu gezeigt werden Leinwandcollagen aus der Serie 'Global Things - The Long Way Back'. Eröffnet wird von Christoph Tannert, der das Schaffen Seos seit Langem begleitet. (19:30 Uhr, Bottroper Str. 17, 45964 Gladbeck, bis 4. März, Katalog 30 Euro) 

Morgen wieder mehr; womöglich auch über Fußball. Hertha BSC wird sich wohl heute nach einem neuen Trainer umsehen müssen, Ähnliches könnte in Dortmund geschehen, aber auch in München, wenn die Bayern die nächsten 8 Spiele nicht gewinnen...

 

 

 

 

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