Michael Schultz Daily News Nr. 861

Michael Schultz Daily News Nr. 861

Berlin, den 2. Februar 2015
 
Liebe Freunde,
 
weil der 'Müll' zur besten Sendezeit ausgestrahlt wird, dafür Interessantes, Informatives, ja manchmal sogar Lehrreiches erst spät in der Nacht auf dem Spielplan steht, hadern wir nicht selten mit der Zusammenstellung unserer Fernsehprogramme. Die besten Sendezeiten sind B-Movies vorbehalten, vorzugsweise aus der Welt der Kriminellen. Allabendlich beginnt aufs Neue das Räuber- und Gendarmenspiel, und wir agieren vor der Glotze mit. Hinterher liefern die Einschaltquoten  die Rechtfertigung. Für diejenigen, die des Rätselratens über Täter und Motiv überdrüssig sind, bleibt trotz der Anzahl der Programme kaum mehr als der Klick auf Arte. Dort zeigt man jeden Tag aufs Neue, wie ein abwechslungsreiches und gutes Fernsehprogramm aussieht.
 
Auch für vergangenen Freitag haben sich die Programmgestalter der ARD nichts wirklich Besonderes einfallen lassen, könnte man meinen. Direkt nach der Tagesschau um 20.15 Uhr wurde das Fußballmatch zwischen dem VFL Wolfsburg und Bayern München ausgestrahlt. Programmierte Langeweile, wie eben alles, was um diese Zeit zu sehen ist.
 
Das Glück jedoch stand den Programmgestaltern an diesem Abend wahrlich beiseite. Alles Vorhergeplante wurde auf den Kopf gestellt. In der Vorrunde treiben die Bayern die gesamte Liga in beeindruckender Manier vor sich her; vier Gegentore in siebzehn Begegnungen, das gab es vorher noch nie. Doch am Freitagabend, und das zur besten Sendezeit, wurden die Jäger zu Gejagten, und daraus entwickelte sich ein Krimi, der besser nicht hätte inszeniert  werden können.
 
Die komplette Vorrunde wurde auf den Kopf gestellt: die Bayern verloren mit 1:4 und kassierten damit in einem Spiel genauso viele Gegentore wie in allen vorangegangenen; so ganz nebenbei auch ihre erste Niederlage. Der Wolfsburger Werkstruppe ist es mit einfachen Mitteln gelungen, den bis dahin nicht entschlüsselbaren Guardiola Code zu knacken: Tackling auf kurzem Raum, offener Pass und ab nach vorne. Effektiv wie man dies nur von den Bayern kennt. Selten ist die Münchener Übertruppe so brutal ausgekontert worden.
 
Weil eben nicht wie sonst in jedem schlechten Freitagskrimi das Gute über das Böse siegte, war dies ein Fernsehabend der besonderen Güte. Einzig die unzähligen Sms- und WhatsApp Jubelkommentare, die nach jedem Wolfsburger Tor eintrafen, beeinträchtigten den Genuss.
 
Bayern München hat (endlich) mal wieder ein Bundesligaduell verloren, der Liga tut es gut und den Bayern nicht wirklich weh. In der Tabelle sind es immer noch 8 Punkte Vorsprung; für eine Mannschaft wie der Münchener Übertruppe eine Ewigkeit. Für die Vorrundengedemütigten kommt die Niederlage zur rechten Zeit; auch wenn es womöglich die erste und letzte in dieser Runde sein mag, den Nimbus der Unbesiegbaren haben sie verloren, und das macht den FC wieder ein wenig menschlicher. Freuen wir uns auf morgen, gegen Schalke werden sie den Beweis abliefern, dass sie in der Winterpause das Fußballspiel nicht verlernt haben. Alles andere wäre eine (weitere) Überraschung.
 
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Während sich die Pegida-Bewegung in Deutschland zerlegt, will heute Abend in Wien erstmals ein österreichischer Ableger marschieren. 1.000 Beamte sollen für Sicherheit sorgen, und es wird mit bis zu 300 Demonstranten und 1.000 Gegnern gerechnet. Bei Pegida in Dresden zog sich zuletzt die halbe Führungsriege zurück, in Leipzig erschienen zu einer Kundgebung am Freitagabend nur 1.500 Anhänger. Inzwischen wurde auch bekannt, dass Sachsens Innenministerium schon länger den Kontakt mit Pegida suchte.
 
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Nach dem islamistischen Terroranschlag gegen die "Charlie Hebdo"-Redaktion im Januar setzt das französische Satiremagazin sein Erscheinen vorerst aus. Die Ausgabe nach dem Anschlag erreichte eine Auflage von über sieben Mio. Stück. Für die nächste Ausgabe gibt es derzeit kein Erscheinungsdatum: die Redaktion habe beschlossen, die Publikation für einige Wochen zu unterbrechen. Die Journalisten seien müde, erschöpft und aufgrund des Attentats und seiner Folgen extrem überlastet, teilte eine Sprecherin mit.

Für uns im Land wird es, zumindest dürfen wir das so hoffen, ein angenehmer und entspannter Montag werden. Das Bunte setzt sich immer mehr durch, und das beruhigt enorm.