Michael Schultz Daily News Nr. 855

Michael Schultz Daily News Nr. 855

Frankfurt, den 23. Januar 2015
 
zu Hause in Berlin wird augenblicklich die wohl größte Fressmesse der Welt abgehalten. Unter der etwas altbackenen Bezeichnung 'Grüne Woche' geschieht dies nun schon zum achtzigsten Mal. Aus einer einst schlichten lokalen Warenbörse, die 1926 erstmals veranstaltet wurde, hat sich die 'Grüne Woche' zur international bedeutendsten Messe für Ernährungswirtschaft, Landwirtschaft und den Gartenbau gemausert. Aussteller aus allen Winkeln dieser Erde bieten ihre Waren feil; die Besucher kommen mehrheitlich aus ländlichen Gebieten, und eigentlich sollte man davon ausgehen können, dass die Messehallen mit dem exotischeren Angebot stärker frequentiert werden als die gute Hausmannkost aus heimischen Regionen. Es ist aber gerade umkehrt: die Bayernhalle, Thüringen, Sachsen-Anhalt und alle weiteren deutschen Provinzen können sich vor Besuchern kaum retten, und dort, wo das Unbekannte aus der Ferne angeboten wird, sind die Stände leer.
 
Für jeden, der in Berlin was auf sich hält, ist ein Besuch dort ein absolutes No Go; tut er es doch, wird nicht darüber gesprochen. Kommt er aber nicht darum herum darüber zu reden, dann wird der Gang als eine nicht verhinderbare Businessvisite deklariert. Man schämt sich dennoch ein wenig.
 
Eine kleine, feine Gruppe in Berlin ansässiger Kunstfreunde jedoch ficht dies nicht, seit vielen Jahren gehört der Besuch zum festen Programm. Und man geht in der festen Absicht dorthin, vollgestopft und angetrunken die Messehallen wieder zu verlassen. Jahr für Jahr geling ihnen das. 'Das Schönste auf der 'Grünen Woche', so ein angesehener Berliner Kunsthistoriker, 'ist die Tatsache, dass ich dort noch nie jemanden getroffen habe, den ich kenne'. Im Gewühl der Anonymität sich gehen lassen, ist so schlecht nicht.

Für viele Vereine und Verbände hingegen ist die Präsenz dort ein absolutes Muss. Besonders die im erweiterten Speckgürtel um Berlin ansässigen Heimatverbände bewerben auf der Fressmesse ihre Freizeitanlagen, ihre Museen, den Naherholungswert ihrer Region; eben das Besondere ihrer Heimat. Die Freiwillige Feuerwehr aus Berlin hat sich was ganz Besonderes einfallen lassen. Im Brandlöschanzug und mit Atemmasken werben diese beiden Feuerwehrleute um ihren Nachwuchs. Unter dem Motto 'Ehrenamt ist Ehrensache' werden gezielt junge Männer angesprochen, das Mädchen in der Mitte dient der weiteren Überzeugung. Ob die drei mit ihrem Auftritt Erfolg haben, wurde nicht verraten. Vieles spricht dagegen.
 
Abschließend sei zum Messebesuch berichtet, dass es der Clique auch in diesem Jahr wieder gelungen ist, den Rundgang gut gesättigt und selig abgefüllt überstanden zu haben. Eine Empfehlung für jeden, der dieses Wagnis eingehen möchte. Für Gourmets, und darauf muss ganz deutlich hingewiesen werden, kann der Besuch der 'Grünen Woche' zu einem verheerenden Traumata werden. Feine Küche gibt es dort nicht (noch bis zum Sonntag, 10 – 18 Uhr, Messedamm 22, 14055 Berlin, Eintritt 14 Euro; übliche Ermäßigungen).

                       

Nach dem fürchterlichen Attentat auf die Redaktion des französischen Satireblatts 'Charlie Hebdo' ist der Run auf das Magazin ungebrochen. Weltweit wurden bisher an die 5 Millionen Exemplare der Ausgabe, die nach dem Anschlag erschien, verkauft. Nach Deutschland wurden in der letzten Woche gerade Mal 3000 Stück geliefert. Unsere Bemühungen an eines der Hefte heranzukommen, gestaltete sich recht schwierig. Nur durch beste Beziehungen gelang uns dies. Heute sollen nochmal 50.000 Hefte in den deutschen Handel kommen; am besten bestückt werden wohl die Bahnhofskioske. Viel Glück.