Michael Schultz Daily News Nr. 853

Michael Schultz Daily News Nr. 853

Berlin, den 21. Januar 2015

 

Im Verlaufe einer Dienstreise wurde dieses Namensschild in einem Atelierhaus im Südosten Münchens entdeckt. Zunächst ist man irritiert und stutzt ein wenig und wundert sich darüber was es so alles gibt. Ein kleines Handyfoto als Erinnerung; man weiß ja nie, wofür es gut sein kann. 'Praxis für Kunst- und Psychotherapie’, ein Geschäftsfeld, das bisher in der Wirklichkeit noch nicht so richtig angekommen war. Der Blick ins Netz bestätigt die Annahme, nur wenige Universitäten bieten Studienrichtungen und Kurse dazu an. Eine noch recht junge Disziplin, die ihre Wurzeln in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat. 
 
Überraschenderweise steht im Universallexikon von Wikipedia recht viel dazu. Die kunsttherapeutischen Ansätze werden dort wie folgt beschrieben: '...gehen zurück auf verschiedene Entwicklungslinien, auf verschiedene Anwendungsfelder und unterschiedliche Bezugswissenschaften. Sie basieren entweder auf tiefenpsychologischen Theorien, auf Kunst- und Bildwissenschaften, auf anthropologischen oder philosophischen Annahmen oder auch auf sozialwissenschaftlichen Theorien.' Die Kunsttherapie also beruft sich auf recht unterschiedliche und interdisziplinäre Ausgangspunkte und Bezüge. 'So vielfältig der Begründungszusammenhang der verschiedenen kunsttherapeutischen Ansätze mit Bezug auf verschiedene Anwendungsfelder, unterschiedliche Bezugswissenschaften oder damit in Zusammenhang stehenden therapeutischen Methoden, so heterogen ist die Begriffsbildung in der kunsttherapeutischen Theoriebildung'.
 
In der Anwendungsmethodik wird die künstlerische Gestaltung zum Anlass genommen, seelische Konflikte zu diagnostizieren und über diese sprechen zu lernen. Der künstlerische Prozess wird zum therapeutischen Mittel, darüber geht es in die Tiefe, um in ihr die Knoten der seelischen Verwirrung zu lösen. 'Kunsttherapeutische Methoden können durch das spezifische Setting die Kreativität anregen, sie können sich aber auch auf die unmittelbare eher lösende oder strukturierende Wirkung der Gestaltungsmethoden beziehen, wie z.B. Wasserfarbe, Zeichenstift oder plastische Ausdrucksmittel (Ton oder Stein) sensorische Fähigkeiten entwickeln, auf erworbene Handlungsmuster wirken und soziale, zwischenmenschliche Fähigkeiten fördern'. (Wikipedia)
 
Ein interessantes und vielschichtiges Berufsbild, in dem die Kunst tiefenpsychologische Lösungsansätze zum Erkennen und Verarbeiten schwerwiegender Probleme liefert. Der therapeutische Bogen darf weit gespannt werden, und ebenso weitgefächert ist die Vielfalt der Lösungsinterpretation. Vieles bleibt dabei in der Schwebe, es darf probiert und interpretiert werden. Wenn am Ende ein entspanntes Lächeln dabei herausspringt, ist schon viel geholfen.
 
Großer Auftritt gestern für Babette Albrecht, die Witwe des 2012 verstorbenen Aldi-Erben Berthold Albrecht. Dieser wurde vom Kunsthändler Helge Achenbach anscheinend übers Ohr gehauen, und sie durfte vor dem Essener Landgericht in einer mehrstündigen Befragung Einblick in das Sittenbild der wohl reichsten Familie in unserem Land geben. Im Verfahren besteht Diskrepanz darüber, dass zwischen ihrem verstorbenen Ehemann und Achenbach stillschweigend vereinbart wurde, dass letzterer sich seinen Mehraufwand  über den Einkauf generieren sollte. Dafür hat der Kunsthändler nach eigenem Bekunden einige Rechnungen manipuliert. In einem Zivilverfahren, dessen Urteil  gestern gesprochen wurde,  sind die Richter der Einlassung des Beschuldigten nicht gefolgt: Achenbach wurde erstinstanzlich zu 19,3 Millionen Schadensersatz verurteilt.
 
Im Essener Prozess geht es um die strafprozessuale Würdigung des Falls, die Anklage wirft Achenbach Betrug in mehreren Fällen vor. Fröhlich lachend und den Journalisten zuwinkend erschien die Witwe zur Zeugenvernehmung. 'Die Dinger', die Achenbach ihnen verkaufte, waren dazu da, um 'die freien Wände im Hause zu füllen', darunter Kunstwerke von Kokoschka, Kirchner, Picasso und Richter. 
 
In 'Offenbarungen einer Belastungszeugin' schreibt der angesehene Rechtsanwalt und Kunsthistoriker Lucas Elmenhorst im Handelsblatt u.a.: 'Babette Albrecht gewährt im Achenbach-Prozess aufschlussreiche Einblicke, wie auf dem Kunstmarkt Geschäfte gemacht werden. Zugleich berichtet sie über die Beweggründe der Familie, Kunst zu erwerben. Nach zwei Gemälden von Richter ('Wenn wir schon Kunst kaufen, wäre es schön, wenn doch ein Richter dabei wäre', so Babette Albrecht), hätte Achenbach ihnen 2009 auch mit 'La Famille du Jardinier' einen Picasso vorgestellt. 'Obwohl er meinte, es sei ein Meisterwerk, gefiel mir das Gruppenporträt zunächst nicht', beschrieb Albrecht ihr Unbehagen. 'Da sind drei Mädchen abgebildet, aber wir haben ja vier Töchter und keine rothaarige.' Es habe daher etwas länger gedauert, bis sie sich entschieden hätten. Dieses Mal wären es zwei Wochen gewesen. Die Frage, warum sie bei den Preisverhandlungen mit den Kunsthändlern nie dabei waren, beantwortete Babette Albrecht mit dem Hinweis, ihr Mann hätte keinen 'Albrecht-Aufschlag' zahlen wollen. Sie seien immer nur zum Betrachten in die Kojen gegangen, die Preise hätte dann allein Achenbach verhandelt, auch wenn sie nicht immer mit Gewissheit sagen kann, wo die einzelnen Käufe stattfanden, ob in Basel oder Miami, ('Die Messen sehen doch so gleich aus').
 
Vieles ist im Argen, und zu hoffen bleibt, dass das Gericht in dem Geflecht zwischen Neid, Eifersucht, Rache und den getürkten Rechnungen ein gerechtes Urteil findet.
 
Seitenweise Ausstellungsbesprechungen haben wir auf unserem Newsticker unter www.schultzberlin.com gelistet. SEO und Bernd Kirschner in Coburg, Andy Denzler in Koblenz und vieles mehr.